Ach Polen, du hast dich gar nicht verändert.

31. Juli 2015

Nach meinen Hipster-Sichtigungen in Warschau verschlägt es mich auf meinem sommerlichen Polen-Trip weiter in den Süden des Landes, um Oma, Opa, Verwandte und Hunde und Katzen von Verwandten zu besuchen. Mein Ziel ist ein Dorf etwa zwei Autostunden von Krakau entfernt. Ich steige also mit meinem 20-Kilo-Koffer in den Bus. Wieso der Riesenkoffer? Ich habe natürlich den halben Kleiderschrank dabei, vielleicht treffe ich im Kaff ja endlich meinen zukünftigen Ehemann, laut Oma ist es schon seit Jahren höchste Zeit.

Das ist aus dem Ausland, das nehmen wir nicht.

Ich lade den Koffer also hinten im Bus ein, der Busfahrer steht neben mir und sieht mir zu, wie ich ihn mühevoll hineinquetsche, rührt dabei keinen Finger, um mir zu helfen. Aber gut, was solls. Solange ich noch keinen hübschen Bergbauern-Ehemann habe, muss ich mich in solchen Situationen sowieso auf meine eigene Muskelkraft verlassen. Der freundliche Busfahrer winkt meinen österreichischen Studentenausweis mit einem „Das ist nicht von uns, das ist aus dem Ausland, das nehm’ ich nicht“ ab und ich bekomme kein Studententicket. Gut, auch das kann ich bei einem Preis von umgerechnet circa drei Euro für eine zweistündige Fahrt verkraften.

Rosenkränze und WLAN

Der Bus wurde wahrscheinlich seit 1970 nicht mehr renoviert, alles ist abgekratzt und abgefuckt. Die Alkoholfahne des vor mir schlafenden Mitreisenden ergänzt das Bild. Macht aber alles nichts, denn als Klimaanlage dient die Tür des Busses, die die meiste Zeit der Fahrt über einfach offen bleibt. Rausfallen wird auch niemand, dafür sorgen schon die circa fünf Rosenkränze, die fröhlich am Rückspiegel baumeln. Gott sei mit uns und so. Er ist es anscheinend wirklich, denn mich erwartet ein erneutes Wunder: Es gibt W-LAN in diesem Bus. Ja, richtig gelesen. Der Bus mag aussehen, als würde er gleich auseinanderfallen, aber es gibt richtig schnelles, gut funktionierendes gratis W-LAN an Bord. Ich komme wirklich nicht mehr aus dem Staunen heraus. Dazu muss ich sagen, dass es in Polen neuerdings eine ziemliche Priorität zu sein vermag, überall in öffentlichen Verkehrsmitteln Internet einzurichten, egal wie fertig und alt die Züge und Busse aussehen.

Ach Polen, du hast dich doch nicht so verändert.

Fast will ich schon eine Lobeshymne an die polnischen Bus-und Bahnlinien verfassen, da werde ich schlagartig aus meinem Tagtraum gerissen. Der betrunkene Herr vor mir ist aufgewacht und beschwert sich lauthals und lallend, dass wir seine Station verpasst hätten. Der Fahrer lässt ihn auf irgendeinem Feld raus, weil der Herr meint, da sei gleich sein Haus. Ach Polen, du hast dich also doch nicht so verändert.

Bei der Enstadtion bei mir im Dorf angekommen, fängt eine Dame an, mit dem Fahrer zu diskutieren. Er hätte ihr sagen sollen, wann die Station kommt, bei der sie aussteigen muss, da sie die Strecke zum ersten Mal fährt. Die Stationen werden nämlich weder angesagt noch angezeigt. Er hat es aber verpeilt. Und meint dann auch, das sei nicht sein Problem. Sie soll schauen, wie sie wieder zurückfährt, er hätte keine Ahnung.

Ich steige also als letzter Passagier aus, gehe mit dem freundlichen Herrn nach hinten, um meinen Koffer aus dem Laderaum zu hieven und bleibe dabei an irgendwas hängen. Ich frage ihn, ob er mir vielleicht helfen könne. Er steht mit verschränkten Armen da und meint:„Das gehört nicht zu meinen Aufgaben.“ Er atmet dabei ausund jetzt rieche ich sie: die durchdringende Alkoholfahne des Busfahrers.

Ach Polen, du hast dich wirklich gar nicht verändert.

Eine kleine Anmerkung noch: Diese Szene hat sich in einem kleinen Dorf abgespielt. Wir wissen alle, dass am Land, egal ob in Polen oder in Österreich, allgemein anders gelebt wird als in großen Städten. Ob der Mann wirklich betrunken war oder die Fahne vom Vortag hatte, weiß ich nicht. Dass er alkoholisiert ein Fahrzeug lenkt und dabei noch die Verantwortung für andere übernimmt, ist eine Sache. Aber wenn es hier an der Freundlichkeit und Wärme der Menschen im Osten, von der so gern gesprochen wird, mangelt, läuft schon ordentlich was schief.

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