"Anna, jetzt schlägt eine Bombe ein und du wirst zusehen wie deine Mama stirbt"

29. März 2022

Mit Cappuccino gegen Kriegskummer: Die Publizistikstudentin Anna Z. versucht jeden Tag, ihre Eltern zur Flucht aus ihrer ukrainischen Heimatstadt zu bewegen. Städte in 20 km Nähe werden bombardiert – und trotzdem: Ihre Eltern wollen bleiben.  


„Fuck, Leute. Demo wurde verschoben auf 15 Uhr“, schreibt Anna in den Gruppenchat. Wir sind beide Teil vom Radiocampus–Uni–Radio: Sie schon länger, ich seit ein paar Monaten. Geplant ist, Soundaufnahmen am Platz der Menschenrechte zu machen. Dort findet gerade eine Demo zum Ukraine–Krieg statt. Wir wollen die Stimmung einfangen – sind aber eine Stunde zu spät. Bei unserer Ankunft kommt die Veranstaltung langsam zu Ende. Die Menschen verlassen den Platz und die Musik verstummt. Für unseren Beitrag nicht besonders förderlich. Das gibt uns aber die Möglichkeit uns untereinander auszutauschen. Anna ist ukrainische Staatsbürgerin und lebt seit 7 Jahren in Wien. Auf unserem Rückweg erzählt sie mir von ihren Gedanken und Sorgen rund um die derzeitige Situation in der Ukraine. Ihre Eltern und viele Verwandte sind noch dort – das macht ihr große Angst. Sie will nicht, dass ihnen etwas passiert.

Ursprünglich kommt Anna aus einer Region in der Nähe von Kiew. Die Stadt ist rund um das Kernkraftwerk dort gebaut. Personen, die hier leben, arbeiten entweder am Kernkraftwerk oder in kleinen Shops, welche die Stadt am Laufen halten. Sonst ist der Ort sehr abgeschottet vom Rest des Landes und umgeben von vielen Wäldern. Damit verbindet sie allerdings nicht ihre Kindheit – ihre schönsten Erinnerungen machte sie in den Karpaten, wo ihre Großeltern ein Haus besaßen. Ihr Großvater, über den sie lange und ausgiebig redet, war Imker und stolz darauf, seine Bienen in Freiheit halten zu können. Gemeinsam haben sie oft Honig gemacht. Das hat ihr weiteres Leben stark geprägt. Beim Gespräch trägt sie eine filigrane Halskette mit einem goldenen Bienenanhänger.

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Ball im Palais Ferstl. Kleid der Designerin Oksana Polonets mit traditionell ukrainischer Stickerei. Copyright: Anna Z.

„Ein Cappuccino ist wichtig – weil er viele Kalorien hat“

Heute arbeitet ihre Mutter noch für das Kernkraftwerk. Sie pendelt regelmäßig zwischen der kleinen Ortschaft und Kiew, wo sich die Hauptzentrale befindet. Zum Zeitpunkt der Invasion wird sie in der Früh von dem Geräusch von Bomben aufgeweckt und muss schnell ihre Sachen packen, um wieder zurück in ihrem Heimatsort zu reisen. Anna ist mit ihr am Telefon – und muss anfangen zu zittern: „Mir kommen sofort die schlimmsten Gedanken in den Sinn. Anna, jetzt schlägt eine Bombe ein und du wirst zusehen wie deine Mama stirbt“.  Ihre Eltern sind ihr wichtiger, als ihr eigenes Wohlbefinden – aber in Wien kann sie nicht viel machen. Komplett aufgelöst versucht sie mit der Situation umzugehen. Sie nimmt sich dafür einen Rat ihrer Mutter zu Herzen, der ihr in schwierigen Situationen hilft. Ihre Mama plädiert dafür, sich stets mit schönen Dingen zu umgeben und sich in Notsituationen mit gutem Essen und teurem Kaffee zu verwöhnen. „Ein Cappuccino ist wichtig, weil er viele Kalorien hat. Und je mehr Kalorien wir zu uns nehmen, desto glücklicher sind wir“. Sie geht in den Starbucks am Westbahnhof, bestellt sich einen Kaffee und kauft sich eine schöne Wasserflasche, obwohl sie schon mehrere hat. Für einige Minuten geht es ihr besser – aber es reicht nicht. Sie muss wieder anfangen zu weinen.

Zwischen Chemotherapie und „fancy night out“

Anna musste in ihrem Leben schon einige Rückschläge einstecken. In ihrem ersten Jahr an der Universität in Kiew wurde ein bösartiger Tumor in ihrem Kopf entdeckt. Das stellte ihr ganzes Leben auf den Kopf. „Ich musste eine OP machen, um den Tumor zu entfernen und besuchte für eine lange Zeit die Chemo– und Strahlentherapie. In der Zeit konnte ich nicht studieren und musste die ganze Zeit zuhause bleiben. Es ging mir wirklich scheiße“. Im Moment war ihr das noch nicht bekannt, aber ihre Ärzte gaben ihr nur mehr zwei Wochen zum Leben. Der Tumor ist so schnell gewachsen, dass er als nächstes ihre Atemwege blockiert hätte. Allein durch die Unterstützung ihrer Familie, insbesondere ihrer Mama, hat sie es geschafft weiterzumachen und die Krankheit zu bewältigen.

 „Viele meiner Freund:innen wollten nicht mehr mit mir befreundet sein. Sie hatten Angst, dass sie sich anstecken. Zuerst habe ich die Krankheit verflucht: Wieso ich? Wieso Anna? Doch meine wahren Freunde sind mir geblieben.“. An manchen Tagen konnte sie maximal 72 Schritte gehen, oft sogar weniger. Ihre Mama schleppte sie in Hoffnung auf Besserung in Parks, um gemeinsam die Enten zu füttern. Oder in luxuriöse Cafés und Restaurants, wo sie manchmal auch Hummer aßen. Zu dem Zeitpunkt konnte sie das nicht schätzen, aber heute ist sie sehr dankbar für die Bemühungen ihrer Mutter. Sie hat die Krankheit überlebt. Genauso wie damals nimmt sie in Anbetracht des Ukraine-Kriegs einen Tag nach dem anderen in Angriff und versucht im Hier und Jetzt zu leben.

Gelassenheit und Ruhe in einer ukrainischen Kleinstadt

Die ersten Tage sind besonders schwer. Anna schreit und weint und schreit wieder. Ihre Eltern wollen die Ukraine nicht verlassen. Gefühle der Angst und der Machtlosigkeit überwältigen sie. In Wien kann sie an Hilfsaktionen und Protesten teilnehmen – die Sicherheit ihrer Familie kann sie aber nicht garantieren. Deswegen schaut sie sich kaum noch aktuelle Nachrichten an. Das Handy verwendet sie hauptsächlich, um täglich ihre Familie anzurufen und sich nach ihnen zu erkundigen. Während sich die Situation in der Ukraine stetig verschlechtert, ist die Stimmung in der kleinen Ortschaft nahe Kiew sehr ruhig und neutral. Geschäfte haben normal offen und Menschen arbeiten weiterhin.  Von 20:00 bis 07:00 in der Früh macht man das Licht in den Wohnungen aus, um keine Aufmerksamkeit zu erregen, aber sonst leben die Menschen einfach normal weiter. Sie versteht es selbst nicht. „Sie spüren das Ausmaß der Situation nicht am eigenen Leibe. Das ist genauso, wie wenn wir in Österreich die Nachrichten mitbekommen – es betrifft uns nicht direkt und wir spüren eine gewisse Distanz zu dem Geschehen“.

Die Leute dort sind überzeugt, dass Russland nicht in die kleine Stadt vordringen werden, weil sie nicht besonders relevant ist. So auch ihre Mutter. „Sie glaubt auch, dass sie dort viel mehr helfen kann als hier in Österreich. Was kann sie hier tun? Außer bei mir sein? Obwohl ich ihre Tochter bin“. Anna selbst zeigt sich verwundert und verständnislos. Sie wünscht sich ihre Eltern überzeugen zu können, die Stadt zu verlassen. Gleichzeitig hat sie sich bereits mit deren Entscheidung zurechtgefunden – sie weiß, dass sie ihre Meinung nicht ändern werden. „An ihre eigene Sicherheit denkt sie nicht. Ich bin mir sicher, dass sie auch Angst empfindet, aber durch das Helfen schiebt sie die Angst und Unsicherheit zur Seite und fühlt sich besser. Sie meint zu mir, wenn die Stadt direkt bombardiert wird, werden sie die Stadt eh verlassen. Ich bin aber der Meinung, dass man nie weiß, was heute oder morgen passieren kann. Es ist klar, dass unsere kleine Stadt nicht das Hauptziel ist, aber dennoch wurden bereits einige Städte in 20 km Nähe bombardiert“.

Bienen als Symbol des Zusammenhalts

„Es wollen viele Menschen die Ukraine trotz der brenzligen Situation nicht verlassen“. Sie beschreibt die Bevölkerung anhand eines Bienenstocks. „Männer unter 60 Jahren dürfen das Land nicht verlassen und ukrainische Frauen wollen das Land nicht ohne ihren Partner verlassen. Sie sind wie Bienen – sie sind für ihren Ehepartner und Freunde da. Sie bleiben und helfen dem Land. Jetzt hast du plötzlich jemanden, der unseren Bienenstock berührt und in Unruhe versetzt und alle Bienen – egal ob männlich oder weiblich – schützen den Bienenstock. Nur Kinder werden entfernt, damit sie dieses Grauen nicht miterleben müssen“.

Anna erzählt mir von ihren Plänen zurück in die Ukraine zu gehen. Ihr ganzes Leben in Wien zu verbringen, war nie in ihrem Plan. Sie wollte nur eine Zeit im Ausland verbringen, um ein neu gewonnenes Gefühl von Freiheit zu verspüren und sich weiterzuentwickeln. Sie ist gerade noch im Bachelorstudium, aber danach würde sie gerne wieder in die Ukraine und dort beim Wiederaufbau der Stadt helfen oder versuchen von Wien aus Unterstützung zu senden. „Ich bin wie meine Mama – wenn mich jemand braucht und ich helfen kann, dann habe ich Lust das weiterzumachen. Es gibt mir Kraft, um aufzustehen. Ich werde ein Teil dieses Bienenstocks sein – und einfach dabei sein“. 

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Kommentare

 

Nebenbei: Langfristig wird so ein System wie in Russland ohne Kindersoldaten wackelig.
(sueddeutsche-russlands-jugendarmee-kindheit-unter-waffen)

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