Armer, armer Alman

16. November 2020

Mit dem Song „Alman“ sorgte der deutsche Rapper CashMo vor einer Woche für Furore. Darin beschreibt er sein schweres Leben als einziger Deutscher in einem „Kanack- Viertel“. Warum es keinen Rassismus gegenüber Deutschen gibt und warum ich Text als auch Video gefährlich finde.

Im Musikvideo ist ein Adler, Schäferhund und ein mit der deutschen Flagge bedeckter Mercedes zu sehen. In anderen Szenen sind Menschen zu sehen, die ein „Alman“-Shirt tragen, die Münder der Protagonisten sind mit Klebeband zugeklebt.

The hard life of CashMo

Ich habe ein großes Problem mit dem Video und dem Text. CashMo rappt zum Beispiel: „Es gibt niemand, der dir hilft aus der Minderheit. Wenn man dich nicht akzeptiеrt, weil du deutsch bist“. Das Problem hier ist, dass CashMo, vor allem in seinem eigenen Land, keine Minderheit ist. Ja, Ausgrenzung erfährt jeder. Darüber kann man einen Song machen. Das Problem ist aber nicht, dass seine Erfahrung mit Ausgrenzung nicht wichtig ist, sondern dass er mit seinem Video und Text Symboliken bedient, die sich nun Rechte zu eigen machen.

„Hilfe ich darf nichts mehr sagen!!!“

„Aber wirklich drüber reden, ist was keiner von uns darf“ heißt es in der Hook. „Aber Bro, sag mir, was hab' ich mit Hitler zu tun?“ ein paar Zeilen zuvor . Protagonisten tragen ein „Alman“-Shirt und haben den Mund zugeklebt. Diese Szene und der passende Textausschnitt schreit förmlich nach: MaN DaRf jA GaRniChTs MeHr SaGeN. Klar darfst du über deine Diskriminierungserfahrungen sprechen und deine Meinung sagen. Es ist nur eine Frage der Kritikfähigkeit, ob man Gegenmeinungen akzeptieren kann, oder man jeden Einwurf als „Cancel Culture“ deklariert. Das Video strotzt leider nur so von Messages wie diesen, die rechte Parteien wie die AfD so interpretieren können, wie es ihnen in ihr Weltbild passt. Mit Hitler hat CashMo so viel zu tun, wie Donald Trump mit der Wahrheit: Nichts. Es liegt allerdings in seiner Verantwortung als Künstler mit großer Reichweite, sich über Basics des Rassismus zu informieren und sich zu überlegen, welche Gruppen er mit seinen Texten und Videos – ob gewollt oder ungewollt - bedienen könnte.

Es gibt keinen Rassismus Deutschen gegenüber. Was CashMo hier versucht zu sagen ist, dass ihm Fremdenfeindlichkeit widerfahren ist. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Wer sich nur eine halbe Stunde mit dem Thema Rassismus beschäftigt, dürfte das hoffentlich verstanden haben. Rassismus ist ein Konstrukt, erschaffen von weißen Menschen, um BPoC auf allen Ebenen zu entmenschlichen. Mittlerweile hat der Rapper sich von dem Begriff Rassismus distanziert und benutzt nun „Diskriminierung“, das Video und der Songtext vermitteln aber etwas anderes. Um das nochmal an einem Beispiel klar zu machen: Ein deutscher, weißer Mensch kann, wenn ihm Diskriminierung widerfährt, notfalls etwas an der Situation ändern. Du bist trotz deiner fremdenfeindlichen Situation nicht überall der „Alman“ und wirst weder bei der Job- noch der Wohnungssuche aufgrund deines Aussehens oder Namens benachteiligt. BPoC können das leider nicht.

 

Von Flaggenschwingern und schlimmen Fingern

„Wenn schwarz-rot-gold dich hier zum Nazi macht, wo die anderen stolz steh’n am Fahnenmast“. Ach, Nationalstolz. Mir war nie wirklich klar, warum Menschen so stolz auf etwas sind, dass sie allein durch Zufall und nicht durch den eigenen Verdienst erlangt haben. Eine Redewendung, die ich sehr passend finde: Patriotismus ist die kleine Schwester des Nationalismus. Meines Erachtens haben Flaggen, abgesehen von der Fußball-Weltmeisterschaft, nichts in Popkultur oder in anderen alltäglichen Situationen zu suchen. In Zeiten, in der die AfD und der Rechtspopulismus in Deutschland immer mehr an Zuspruch gewinnt, sollte man sich als Künstler mit großer Reichweite zwei Mal überlegen, ob man ein Musikvideo mit nationalistischen Symbolen droppen sollte. Auch wenn sich CashMo im Text klar von Nazis distanzieren will, hat er mit „Alman“ leider genau denen gefundenes Fressen geboten, die sich eben nicht distanzieren wollen.

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