"So muss die Hölle stinken": Meine Flucht aus Afghanistan nach Österreich

06. August 2021

Ich bin Mohib, 23 Jahre alt und komme aus Afghanistan. Ich lebe seit sechs Jahren in Österreich. Seit Anfang August habe ich die Möglichkeit für BIBER ehrenamtlich zu arbeiten. Ich werde euch in mehreren Teilen über meine Fluchtgeschichte berichten. Sie nahm 1998 in Herat, der zweitgrößten Stadt Afghanistans ihren Anfang.

Ich blicke durch die Gitterstäbe raus zum blauen Himmel. Was wäre, wenn ich in einem dieser Flugzeuge da oben sitzen würde? Stattdessen muss ich mit rund 60 geflüchteten Menschen aus Afghanistan, Iran und dem Irak in einer dunklen Zelle ausharren. An der Decke droht der Schimmel mich zu erschlagen, an meinen Füßen laufen Mäuse und Ratten vorbei. Der Gestank, den so viele Menschen auf engen Raum erzeugen, ist kaum in Worte zu fassen. So muss die Hölle stinken.

Ich befinde mich in einem Gefängnis an der iranisch-türkischen Grenze. Hinter mir liegen vier Monate Flucht. Wiedermal standen die Taliban vor den Türen meiner Heimatstadt Herat. Mein Vater befahl mir und meinen drei Geschwistern die Sachen zu packen und sofort zu fliehen. Das war gar keine Entscheidung für mich. Seit ich denken kann, möchte ich Afghanistan verlassen. Obwohl ich dort elf Jahre in die Schule gegangen bin und mit 15 Jahren mit Hilfe meines Vaters eine eigene Apotheke geleitet habe. Ihr denkt euch, wie kann man mit 15 Jahren eine Apotheke leiten? In Afghanistan geht das, solange du die richtigen Leute bestichst. Was auch mein Vater tat. Aber in so einem Land wollte ich nicht leben. Ich wollte nicht mehr um 4 Uhr in der Früh als kleines Kind von Granaten geweckt werden. Oder meinen Bruder, um seinen besten Freund weinen sehen, der von den Taliban erschossen wurde. Grund: Er war Übersetzer für die Amerikaner. Ich wollte und musste raus. Eher gestern als heute!

Im Drecksloch gefangen

Mit einem Bus ging es nach Sarandsch in der Provinz Nimrus und dann weiter in den Iran. Dort wartete der kurdische Schlepper auf mich. Mein Vater nahm paar Wochen davor Kontakt zu ihm auf. Er sollte mich bis zur iranisch-türkischen Grenze bringen. Ich traf ihn in Teheran und von dort aus fuhren wir dem LKW und 60 anderen Flüchtlingen Richtung Nordwesten. Zusammengepfercht und ohne Wasser und Nahrung wurden wir irgendwann von der iranischen Polizei aufgehalten. „Was ist in dem LKW ?“, fragte der Polizeibeamte. „Es sind 60 Kühe, ich muss sie aufs Feld bringen.“, antwortete der Schlepper. Ob er den Polizisten bestochen hat oder dieser uns aus Faulheit weiterfahren ließ, kann ich nicht beantworten. Über 20 Stunden später erreichten wir Urmai, knapp vor der türkischen Grenze.

Danach mussten wir zu Fuß weiter Richtung Türkei.  Wir mussten auf einen Berg klettern, der circa 2000 Meter hoch war. Wenn ich jetzt auf die Karte schaue, bemerke ich, dass die Gipfel sogar bis zu 4000 Meter hoch sind. Ist auch nicht weiter wichtig, es war dunkel, kalt, verschneit. Wir bewegten uns zusammen mit dem Schlepper, nur mit Taschenlampen bewaffnet. Und dann wurden wir von der türkischen Grenzpolizei festgenommen. Ich wurde mit einem Ast von der türkischen Polizei geschlagen. Weil sie gedacht haben, dass ich der Schlepper bin. Dafür wurde ich und andere Flüchtlinge für zwei Monate verhaftet. Nun, da sitze ich in diesem Drecksloch und werde zu meiner Überraschung von meinem Schlepper freigekauft. Er war ein freundlicher Mensch, der Schlepper. Ich fuhr mit ihm zu seiner Familie und bekam eine warme Mahlzeit.

Nach einer 24-stündigen Busfahrt nach Istanbul, könnte auch länger gewesen sein, nahm ich einen Bus direkt am Istanbuler Busbahnhof Richtung Izmir. Die Stadt, die an der Küste liegt und wo mein Schlepper ein Boot organisiert hatte. Die Überfahrt nach Griechenland dauerte rund drei Stunden. In einem wackligen Boot mit 65 anderen Flüchtlingen dachte ich an meine Eltern und wie es ihnen wohl gehen wird. Das Meerwasser war salzig, ich weiß das so genau, weil ich ganz vorne im Boot saß und jede Welle zu schmecken bekam. Immer noch heute, wenn ich in der Nacht das Donaukanal-Wasser sehe, erinnert es mich an meine Flucht.

Kraut unter der Brücke

Endlich Griechenland. Wir blieben zwei Tage dort, bis die Schlepper uns abholten. Ich hatte kein Zielland, ich wollte irgendwohin, wo es sicher für mich ist. Deutschland, Schweden, von Österreich erfuhr ich erst von einer NGO-Mitarbeiterin an der griechisch-mazedonischen Grenze. Sie meinte scherzeshalber, in Österreich gebe es viele schöne Frauen. Ich hatte im Iran zwei afghanische Brüder kennengelernt. Ihre Eltern haben in Österreich in der Stadt Linz gelebt. Als ich alleine war und mich einsam gefühlt habe, boten sie mir an, mit ihnen nach Österreich zu fliehen und auf mich aufzupassen. Ich war 17 und konnte nicht Gut von Schlecht unterscheiden. Ich wusste nicht dass ihr Plan war, mich wegen meines Geldes und meiner Sprachkenntnisse (Englisch, Paschto, Urdu, Persisch) auszunutzen. Auch das gehört zu einer Flucht.

In Mazedonien haben wir (die zwei afghanischen Brüder, zwei Freunde von mir, die in Deutschland leben, und zwei Kurden aus dem Iran) unter einer Brücke geschlafen. Dort haben wir auf Schlepper gewartet. Der Hunger trieb uns dazu, Gemüse und Kraut vom Nachbarsfeld zu stehlen und roh zu essen. Bis eine kobraähnliche Schlange vor uns auftauchte, wir zuckten instinktiv mit unseren Köpfen und stoßen uns an der Brücke an. Wenn ich an diese Erfahrungen zurückdenke, muss ich lachen. Aber auch weinen. Ich kann mich nicht entscheiden.

In Serbien wurden wir von der Polizei fair behandelt, was man von den ungarischen Kollegen nicht behaupten kann. Nach einem langen Fußmarsch, holte uns ein Schlepper aus einem großen Park in Budapest ab. Dort entstand auch das Titelbild dieses Blogs (siehe oben). Er setzte uns an der ungarisch-österreichischen Grenze ab, aus Angst vor den österreichischen Grenzbeamten aufgegriffen zu werden. In der Nacht kam er zu diesem kleinen Waldstück zurück und wir fuhren Richtung Wien weiter.

Endlich Österreich. Ich kann mich gut erinnern, dass wir um vier in der Früh im ersten Bezirk angekommen sind. Wir waren durstig, hungrig, erschöpft, aber auch glücklich.  Ich saß genau bei einem großen Baum am Stubentor als ich meine Eltern anrief, um ihnen Bescheid zu geben, dass ich nach fünf Monaten und tausenden Kilometern in Österreich angekommen bin.

Österreich - dort, wo sich mein Gitarrenlehrer über meine afghanische Herkunft lustig macht.

Mehr dazu in einem meiner nächsten Blogs. Stay tuned!

 

 

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