Bosnien: Angst vor den Arabern

04. Januar 2016

Meine Tante aus Sarajevo ist gerade zu Besuch bei uns in Österreich. Sie hat ein Haus in Ilidža, einem Vorort von Sarajevo. Sie sagt, sie sei vor dem fürchterlichen Smog geflohen. „Die Leute heizen mit allem Möglichen, vor allem die Araber“, erzählt sie mir. Von den Arabern reden meine Familie und meine Bekannten aus Bosnien in letzter Zeit oft. Immer in diesem anklagenden Ton. „Wie viele luxuriöse Shoppingzentren wollen sie noch erbauen?“, fragt meine Cousine und verdreht die Augen. Tatsächlich ist das größte Einkaufszentrum der Hauptstadt, „Centar Sarajevo“, die Einwohner nennen es nur „Al-Shiddi“, weil so die Investorengruppe heißt, von den Saudis erbaut worden. „Wie wäre es, wenn sie statt Moscheen auch einmal öffentliche Unis errichten würden?“, sagt ihr Freund genervt. „Bloß nicht, dann könnten sie mit ihrer religiösen Propaganda noch mehr Menschen manipulieren“, so meine Cousine. Sie und ihr Freund sind beide Muslime. Meine Familie hat muslimischen Background. Manche meiner Familienmitglieder sind sehr gläubig, andere kaum. Ungeachtet dessen haben alle eine kritische Einstellung zu der wachsenden Zahl an arabischen Zuwanderern in und rund um Sarajevo. Auch ich bemerke bei jedem Heimaturlaub von Mal zu Mal mehr vollverschleierte Frauen in Schwarz und Männer mit Vollbart. Die Touristen scheinen genauso erstaunt wie ich. Das wurde nicht in ihrem Reiseführer erwähnt, in dem Bosnien als modernes Land angepriesen wird.

Kommen um zu bleiben

„Wenn die Zahl der Touristen zurückgeht, haben wir das ihnen zu verdanken“, sagt mein Bekannter Edin. Wieder sind die arabischen Zuwanderer gemeint. Er ist Touristenführer und fürchtet um sein Geschäft. „Die Touristen werden glauben, dass Bosnien ein konservatives Land ist, dabei sind es die Araber, die versuchen, das aus unserem Land zu machen.“ Um genau zu sein, sind es vorwiegend Kuwaitis, Saudis und Kataris. Sie kommen zwar offiziell als Touristen, das geht leicht, weil sie kein Visum brauchen, sind aber nicht an Sightseeing interessiert. „Ich habe das Gefühl, sie kommen, um sich nach einer guten Lage für Investitionen umzuschauen“, sagt Edin. „Immer mehr von ihnen bleiben, eröffnen eigene Geschäfte und Cafés. Alkohol wird natürlich weder ausgeschenkt noch verkauft, auch nicht in ihren Shoppingzentren“, ergänzt er.

„Land kaufen dürfen aber nur registrierte Firmen. Kein Problem: Alleine aus Kuwait stammen 232 neu angemeldete Firmen. Eine davon ist ein kuwaitischer Investor, der am Berg Igman um zwei Milliarden Euro einen futuristischen Stadtteil für 40.000 Einwohner unter dem Namen "Nova Ilidža" hochziehen lassen will. (...) Der kuwaitische Botschafter hat sich bereits seine Privatresidenz in Ilidža einrichten lassen“, berichtet auch der Kurier in einer großen Bosnien-Reportage.

Das Feld räumen

Wer nicht so viel Geld hat, findet einen anderen Weg, eine Firma anzumelden. Eine Bekannte aus Sarajevo hat letzte Woche einen Katari geheiratet. Er möchte eine Firma in Sarajevo gründen, auf den Namen seiner Ehefrau. Die beiden kennen sich erst seit ein paar Monaten. Auf der Hochzeit durfte sie männlichen Gästen kein Bussi zur Begrüßung geben, nicht einmal ihren Verwandten - das hat ihr ihr Mann verboten. 

Auch mit meiner Tante wollen die Araber Geschäfte machen. Studenten aus Katar haben sie gefragt, ob sie ihnen ihr Haus auf Ilidža vermieten würde. Meine Tante überlegt, den Vorschlag anzunehmen. Wohl fühlt sie sich in ihrer Siedlung sowieso nicht mehr. Die Mehrzahl ihrer Nachbarn sind mittlerweile Araber. „Sie versuchen nicht einmal Bosnisch zu lernen und bleiben nur unter sich“, erzählt meine Tante. Die Männer schauen meiner Tante nicht ins Gesicht, ignorieren sie. Die Frauen verlassen ihre Häuser nur selten. „Keine Ahnung, ob ich für sie das Feld räumen soll“, sagt meine Tante.

Angst um die alte Heimat

Während meine Familie zu Besuch bei uns in Wien ist, gibt es kaum ein anderes Thema als die arabischen Zuwanderer. „Hast du das von Adin gehört? Er lässt sich von den Saudis bezahlen. Für jeden Zentimeter, um den er seinen Bart wachsen lässt, bekommt er Geld.“ - „Amelas Tochter hat einen Saudi geheiratet. Jetzt ist sie vollverschleiert und darf nicht einmal mit ihrem eigenen Bruder in einem Zimmer sein. Dafür muss sie sich keine Sorgen mehr um Geld machen, ihr Mann ist reich.“ Wenn ich solche Geschichten höre, habe ich Angst um meine alte Heimat. Meine gesamte Familie war von dem Bosnienkrieg betroffen. Die, die überlebt haben und unten geblieben sind oder wieder zurückgegangen sind, leiden unter der wirtschaftlichen Situation. Mein Cousin, ein Anwalt, verdient nicht mehr als ich als Studentin auf geringfügiger Basis verdient habe. Aber er ist froh, überhaupt einen Job zu haben. Bosnien ist damit ein Nährboden für Radikalismus. Die Leute sind frustriert, enttäuscht, haben keine Perspektive. So sehr Edin ihnen auch misstraut, er versucht zu verstehen, wieso sich viele Bosnier den strenggläubigen Zuwanderern anschließen: „Die reichen Araber investieren als einzige in unser Land. Sonst will uns ja keiner, weder die EU, noch sonst wer."

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