Das hohe Ross der woken Bubble.

15. Mai 2020

„Das wird hart und bitter“ - so beginnt das „Männerwelten“-Video, das mittlerweile so ziemlich jeder gesehen haben sollte. 

Im Rahmen der gleichnamigen fiktiven Ausstellung machten Joko und Klaas gemeinsam mit Sophie Passmann, Palina Rojinski, VISAVIE und anderen deutschen Personen der Öffentlichkeit auf sexuelle Belästigung gegenüber Frauen aufmerksam. Thematisiert werden Dickpics, verbale sexuelle Übergriffe bis hin zu Vergewaltigungen.

Das Video geht viral – stößt auf viel positive Resonanz, aber auch auf kritische Stimmen. Nicht nur von Männern, die meinen, „dass das doch alles eh nicht so schlimm ist und sich die Frauen nicht so aufspielen sollen.“ Zu denen kommen wir später. Viel interessanter ist nämlich das andere Kritik-Lager. Jenes gestaltet sich in der woken Instagram-Bubble: In dem Video sind nur weiße, normschöne Frauen zu sehen – PoC, Frauen mit Behinderungen, Transfrauen, Intersexuelle sind und fühlen sich durch das Video nicht repräsentiert. Ist diese Kritik wichtig und richtig? Natürlich. Liegt das überhaupt in meiner Hand, so etwas als heterosexuelle, weiße Frau zu entscheiden? Natürlich nicht. 

Dass man in einem Video mit einer solch großen Reichweite, produziert von Menschen, die dieses Bewusstsein eigentlich haben sollten, im Jahr 2020 auf mehr Diversität setzten sollte, sehe ich klipp und klar ein. Aber eben – ist das jedem klar? Es ist den woken, gebildeten Menschen klar. Ist das beispielsweise den Männern, die Dickpics verschicken, Frauen auf der Straße nachpfeifen, oder abfällige Hasskommentare verfassen, klar? Ich denke nicht. 

Wenn Gendern schon ein Fremdwort ist 

Denen ist ja in vielen Fällen nicht einmal klar, dass das, was sie da tun, überhaupt falsch ist. Um jetzt nicht Birnen mit Äpfeln zu vergleichen: Das Video zeigt eine Problematik auf, mit der so ziemlich jede Frau schon einmal konfrontiert war. Eine Problematik, die vielen Männern, die sich damit auseinandersetzen wollen, erst bewusst wird. Eine Problematik, die genau die Männer ansprechen sollte, die Täter sind. Eine Problematik, die endlich im Mainstream angelangt ist. Dass das, was unzähligen Frauen wiederfährt, wirklich "hart und bitter" ist. Na, guten Morgen? Mal langsam hier.

Um das Ganze mal herunterzubrechen: Der Großteil der Männer, an die dieses Video gerichtet ist, weiß nicht einmal, wozu Gendern gut ist oder was das überhaupt bedeutet – was sollen die dann mit Begriffen wie „intersektioneller Feminismus“ anfangen?  Der Großteil unserer Gesellschaft, egal ob männlich oder weiblich, bewegt sich nicht in den kreisen der woken Instagram-Bubble. Die Mehrheit ist eben nicht die belesene, politisch korrekte, Missstände aufzeigende Blase. Man kann diese Debatte nicht auf so einem hohen Level beginnen. Hier muss man viel weiter unten ansetzen, auch wenn das viele nicht wahrhaben wollen. Sagen wir einmal, ein 20-jähriger Kevin aus dem Gemeindebau sieht dieses Video. Kevin ist nicht einmal einer von den ganz Argen. Nein, Kevin pfeift regelmäßig Frauen auf der Straße nach, um sein fragiles männliches Ego zu pushen – ohne Erfolg. Kevin macht das, weil seine Freunde das auch immer schon gemacht haben. Er ist ein Mitläufer. Er sieht nun dieses Video und die Rädchen in seinem Kopf beginnen, sich zu drehen. Scheinbar ist das, was er tut, ja doch nicht so in Ordnung. Und dann liest er in den Kommentaren „Aber was ist mit genderfluiden Personen, was ist mit FLINT-Personen, was ist mit Frauen, die sich nicht als solche fühlen?“. Kevin versteht die Welt nicht mehr, schüttelt den Kopf und macht den Tab wieder zu. Bildungsauftrag verfehlt. 

Fangen wir mal unten an.

Ganz ehrlich? Ich, als gebildete, privilegierte Frau, die sich seit Jahren mit Migration, Diversität und Geschlechterrollen auseinandersetzt, sehe mich manchmal in so einem Kevin wieder. Ich lerne gerne dazu, verfolge die Diskussionen zu diesen Themen, und trotzdem verstehe ich manchmal nicht, was ein Begriff bedeutet oder wo man genau bei einer Problematik ansetzen sollte. Ich lerne ständig dazu. Was ist dann mit den Menschen, denen die Bildung, die Zeit oder ganz einfach das Bewusstsein fehlt, sich damit zu beschäftigen ? Es ist ja im Grunde genommen immer dasselbe: Eine Problematik kommt im Mainstream an, und wird durch einen oberlehrerhaften Ton der oberen Zehntausend vom Tausendsten ins Hundertste diskutiert. Diese Diskussionen sind unglaublich elitär. Es sind ironischerweise dieselben Strukturen, die von den oben genannten oft und gerne kritisiert werden. 

Sich mit political correctness, all den Begriffen und Abwandlungen auseinanderzusetzen und sich damit gut auszukennen, ist ein wahnsinniges Privileg. Ein Privileg, das diejenigen, die es haben, auch einsetzen wollen und sollen. Aber es zeugt gleichzeitig auch von einer gewissen Arroganz denjenigen gegenüber, die eben noch nicht so weit sind oder nicht so weit sein können. Von dem hohen Ross herab lässt es sich leicht urteilen. Wenn man sich innerhalb einer gewissen Zielgruppe bewegt, kann man das auch. Darüber zu diskutieren, was nicht alles problematisch, ungerecht oder nicht genug inklusiv ist. Aber wenn alle miteinbezogen werden sollen, wird das wesentlich komplexer. Ironischerweise ist das dann eben null inklusiv. Und im Endeffekt geht es ja nicht um diese oberen Zehntausend - die verstehen diese Debatten innehrhalb der Debatten. Aber die breite Masse versteht es nunmal nicht.

Es geht in die richtige Richtung

Um nochmal auf das Video Bezug zu nehmen: Joko und Klaas, die dieser Tage von der halben deutschsprachigen Welt gefeiert werden, waren es, die 2012 im Rahmen eines Gags einer Frau auf die Brüste gegrapscht haben. Wir erinnern uns. Damals fanden sie so etwas lustig, heute verabscheuen sie es. Ich sage: Fortschritt. Augenrollen? „Na Bravo, dass die das mal gecheckt haben?“. Eh. Aber daran sieht man, dass die Entwicklung eben eine schleichende und sich-ziehende ist. Dennoch geht es in die richtige Richtung. 

Abgesehen von dem Video und gesamtheitlich betrachtet: Ich frage mich so oft bei solchen Debatten, wie Menschen, die sich nicht damit befassen, da überhaupt mitkommen sollen. Wir sind als Gesellschaft noch nicht so weit. Die woken Menschen, die sich innerhalb der Bubble bewegen, werden diese Kritik dankend annehmen. Diejenigen, die sich damit auseinandersetzen, werden auch dazulernen. Aber der Mainstream braucht noch viel, viel mehr Grundlagen, damit so eine Debatte in der Mitte der Gesellschaft ankommt. Um den Diskurs breitenwirksamer und somit sinnvoller zu machen, muss man in kleineren Schritten arbeiten. Dazu gehört natürlich, diese Missstände aufzuzeigen, zu informieren und zu erklären – durch die, die dieses Bewusstsein haben. Aber bitte ohne dabei so von oben herab zu handeln, sondern so, dass es wirklich bei allen ankommt. Gelebte Inklusion. 

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