Das Nebenzimmer, das es nicht gibt.

12. Januar 2021

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Nebenzimmer
Die virtuellen "ambient rooms" helfen mittels Sound beim Träumen - schon probiert?

Nostalgie auf Knopfdruck? Wie Oldie-Playlists eine Sehnsucht für eine nie gelebte Zeit erwecken, und was Corona damit zu tun hat.

Ein Samstagabend in der kältesten Jahreszeit. Im Wohnzimmer laufen vielleicht alte Disney-Filme, in denen jede Bewegung der Figuren noch von Hand gezeichnet wurde. Die Heizung läuft auf Hochtouren, dein Bauch ist voll mit Süßigkeiten und Kakao. Der Regen prasselt gegen das Fenster. Du gehst ins Bett und schläfst ein, während dumpf im Nebenzimmer die Oldies weiterlaufen. Life is good.

So, oder so ähnlich fühlt es sich an, einem der unzähligen „ambient room“-Videos auf YouTube zu lauschen. Ganz besonders angetan haben es mir die „Oldies playing in another room“-Playlists. Diese sind quasi mein Soundtrack zum dritten Lockdown geworden – und passten nebenbei auch perfekt zum Weihnachtsessen. Egal ob beim Kochen, Lesen, Telefonieren, Schreiben oder Schlafen – der warme und gedämpfte Klang alter Schallplatten aus den 40ern bis 60ern aus einem fiktiven „Nebenzimmer“ macht alles ein wenig erträglicher in der Isolation. YouTube-Accounts wie „Lepreezy“ oder „Nemo’s Dreamscapes“ streamen teilweise 24/7 eine Portion Nostalgie für alle.

Oldies statt Techno

Seit gut einem Jahr verändert die Corona-Pandemie maßgeblich unseren Arbeitsalltag, unsere Bewegungsfreiheit, unser Sozialleben – und auch unseren Musikgeschmack. Die Streamingplattform Spotify vermeldet so, dass seit dem Beginn der Pandemie die Nachfrage für die Genres „Ambient“ und „Instrumental“ gestiegen ist – während bei den Abonnenten das Interesse an Podcasts leicht gesunken ist. Das lässt sich mit fehlenden Fahrten zur Arbeit, Uni oder geschlossenen Fitnessstudios leicht erklären. Für die langen Tage zuhause braucht man Musik, die nicht stört. Keine Texte, keine aufdringlichen Beats. Einfach eine Audio-Kulisse, die uns beruhigt. So kommt es auch, dass ich am Wochenende statt zu Industrial Techno eher zu den Oldies greife. Die Clubs sind zu - Techno is out.

Nostalgie-Memes als Produkt der Pandemie?

Das Phänomen „Songs playing from another room“ tauchte bereits vor einigen Jahren als YouTube-Meme auf. Damals handelte es sich um Teenie-Hits wie „Mr. Brightside“ von den Killers oder – für die Melancholiker – „Hey there Delilah“ von Plain White T’s, die mittels einfacher Soundeffekte so adaptiert wurden, als ob sie in voller Lautstärke aus einem Zimmer dröhnen würden. In den Kommentaren erinnern sich User an ihre lang vergangenen Jahre im Elternhaus, zwischen Schulaufgaben und Partys. Nun ist es bei den „Oldie“-Playlists anders: Hier fühlt man eine Nostalgie für eine Zeit, in der man gar nicht gelebt hat. Die meisten Zuseher sind unter 30 Jahren alt. Könnte das ein Nebenprodukt der Pandemie sein? Eine Sehnsucht nach einer Zeit, zu der man keinen Bezug hat? Es sieht ganz danach aus.

Ist man einmal in die Welt der „ambient rooms“ abgetaucht, gibt es kein Entkommen mehr. Einige der „Soundscapes“ sind erstaunlich spezifisch. Wie hätte es geklungen, im Jahr 1892 auf der Premiere von Tchajkovskis  „Nussknacker“ den berühmten „Pas de Deux“ zu hören? Hier ist die Antwort:

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