Das überflüssige Stück Papier

12. Februar 2015

Das überflüssige Stück Papier

Stift, Notizblock, Papier
Foto: Natalija Stojanovic

Tägliches Bild: Kinder mit Smartphones in der Hand. Beim Schulausflug kein Rumgealbere in der Bim, nein, alle starren ruhig aufs Handy, ob sie sich gerade gegenseitig SMS schreiben? Amar und ich haben eine Schule besucht, bei der Technik in den Schulalltag integriert wurde, damit die Kinder den Umgang mit dem Cyberspace so früh wie möglich lernen. Ein Kommentar zum letzten Stück Papier.

Die Kooperative Mittelschule Schopenhauerstraße ist Vorreiter, was die Technisierung des Schulalltags betrifft. Ihr Engagement lobte am Dienstag sogar die Bildungsministerin. Learning-Apps, Quizlet, leo.org und weitere Begriffe sind in den Lernalltag dieser Schule integriert. Und es funktioniert super. Kinder zufrieden, Lehrer zufrieden, Bildungsministerin zufrieden, alle zufrieden.

Ungerechtigkeit²

Beim Besuch einer sechsten Klasse stellte uns eine Schülerin (12) den Aufbau eines sog. Quizlets vor. Weil das Mädchen etwas aufgeregt war, hat sie sich ein paar Notizen für ihren Vortrag gemacht. Aber nicht auf einem Schmierzettel, nein: auf ihrem Samsung Smartphone. Also spickte sie immer wieder aufs Telefon, um bloß nichts Falsches vor uns zu sagen. Ich habe mich gefragt, ob alle zwölfjährigen Kinder jetzt Handys im Wert von circa 500 Euro haben?

Die Antwort darauf bekam ich schnell: Es gab ein einziges Mädchen in der Klasse, das kein Smartphone besitzt. Sie kann die Learning-Apps und das Quizlet (Vokabellernprogramm) nicht nutzen. Sie wird durch das System diskriminiert und ausgeschlossen. Fangen wir gar nicht erst damit an, was den Eltern für ein materieller Druck aufgezwungen wird. Niemand möchte, dass sein Kind ein Außenseiter wird.

„Elif hat kein Facebook“

Im Informatikunterricht lernen Kinder den sicheren Umgang mit Facebook. Prinzipiell ist Aufklärung sicher die beste Prävention. Und wie ich erfahren habe, sind Cybermobbing und Sexting (ein neues Wort hab ich auch in der Schule gelernt) große Probleme der Generation 2000+.

Also loggen sich alle in ihre Facebook-Profile ein, bis auf Elif – sie hat kein Facebook. Und sie ist schon 14 Jahre alt! Sie muss uns erklären wieso sie kein Facebook hat. Wieso musste keiner erklären, wieso er Facebook hat?

Vokabelheft? Umweltverschmutzung.

Die Schüler erstellen selbst Vokabelquizzes und spielen so miteinander, über den Rechner meine ich. Ich bin mir sicher, dass sie was lernen. Und genauso viel wie ich zu meiner Schulzeit. Als Smartphones, Klapphandys und Laptops nichts im Unterricht zu suchen hatten. Heute darf man auch mal fix das Todesjahr von Albert Einstein googeln, alles kein Problem.

Vielleicht lebe ich immer noch in der romantische Vorstellung, dass Papier und Stift zum Erwachsenwerden gehören. Und kein Quizlet. Dass das Referat, das ich nachts auf die Rückseite der Mathehausaufgaben gekritzelt habe, mehr wert ist als eins, das ich mir unter Notizen in meinem IPhone abgespeichert habe. Vielleicht ist es auch irre zu glauben, dass Kinder auch ohne Facebook befreundet sein können. Oder dass die virtuelle Welt uns noch nicht allesamt vereinnahmt hat und dass Kindheit, Kindheit bleibt.

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