Der Soldat, der mir M&M’s schenkte

04. Oktober 2021

Ich sitze im Beifahrersitz, meine Mutter neben mir am Steuer. Die Straße ist staubig, rund um uns nur Wüste. Wir fahren gerade raus aus Bagdad, als plötzlich ein US-amerikanischer Militärpanzer vor uns auffährt.

Ich bin vier Jahre alt, von Krieg verstehe ich nichts und schon gar nicht weiß ich, was es bedeutet, wenn ein Panzer auf einen zugerollt kommt. Aber die Körpersprache meiner Mutter spricht Bände. Eben war sie noch gelassen, jetzt hat sich ihr Blick komplett verändert. Sie zittert am ganzen Leib und ihr Gesicht ist kreidebleich. Meine anfängliche Verwirrung wächst zu einer Mischung aus Angst und Stress. Schließlich muss es ja einen Grund haben, weshalb meine Mutter von Null auf Jetzt so angespannt und ängstlich neben mir sitzt.

Auf dem Panzer stehen drei Soldaten. Mit ihren Tarnuniformen, den grün-grauen Helmen und der kriegerischen Gesichtsbemalung stehen sie da, ihre Blicke und die Panzerkanone streng auf uns gerichtet.

Einer der Soldaten bewegt sich. Er steigt von seinem Panzer runter und kommt schwer bewaffnet auf unser Auto zu. Je näher er kommt, desto angespannter wird die Stimmung im Auto. Er steht vor der Autotür meiner Mutter und klopft mit seinen Knöcheln gegen die Scheibe. Zitternd kurbelt sie das Fenster herunter und der fremde Mann sieht zu mir hinein.

Er greift in seine Tasche, wühlt herum, und nach einigen Sekunden – für mich fühlt es sich an wie eine halbe Ewigkeit – findet er wonach er gesucht hat. Mit seiner Faust langt er in das Auto bis hin zu mir in den Beifahrersitz und öffnet sie zu einer flachen Hand. Endlich sehe ich was er in seiner Hand hält und atme auf. Er streckt mir eine kleine gelbe Packung M&M’s entgegen.

Zögerlich nehme ich sie und sage danke. Er nickt nur, dreht sich weg und steigt zurück zu seinen Kollegen in den Panzer. Als sie weg sind, können auch wir endlich wieder weiterfahren. Der Schock verfolgt uns noch den ganzen Tag.

18 Jahre später sitze ich im Kino. Meinen Geburtsort habe ich seitdem nicht mehr gesehen, und trotzdem erinnere ich mich ständig an meine Kindheit in Bagdad. Gerüche, Geschmäcker, Geräusche, bringen mich zurück in die Zeit als der Irak noch mein zuhause war. Auf der Leinwand spielt es den Film „Quo Vadis, Aida?“. Es geht um den Genozid der Serben gegen das bosnische Srebrenica, und eine bestimmte Szene lässt mich nicht los: serbische Soldaten verteilen Toblerone an hungernde, vertriebene Bosniak*innen. Kurz darauf werden sie von denselben Soldaten ermordet, die sie vorher noch so großzügig mit Schokolade beschenkt haben.

Die Szene ruft Erinnerungen in mir vor. Sie fühlt sich komisch vertraut an. 18 Jahre lang war ich überzeugt von der Einzigartigkeit meiner Geschichte. Jetzt sitze ich hier, im unbequemen Kinosessel, und frage mich zum ersten Mal: ist es gar kein Einzelfall? Was, wenn das Verteilen von Süßigkeiten eine bewusste Strategie ist, die Soldaten in ihrer Ausbildung eingetrichtert bekommen?  

Kinder sind beeinflussbar und naiv. Jemand, der ihnen Schokolade oder Gummibärchen schenkt, kann doch unmöglich Böses im Sinn haben, unmöglich der „Feind“ sein, oder?  

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