Der Tag, an dem die Sonne vom Himmel fiel

09. September 2015

Ich stehe am Küchenfenster unserer Ein-Zimmer-Wohnung in Nis (Serbien), im sechzehnstöckigen Plattenbau. Unsere Wohnung ist klein und im achten Stock. Ich bin auch klein, gerade mal fünf Jahre alt.

Ich stehe am Fenster, meine Mutter kocht, ich drehe mich zu ihr und sage aufgeregt: "Mama, Mama, schau mal! Die Sonne fällt vom Himmel!"

Was danach geschah, daran kann ich mich nur dumpf erinnern. Meine Mutter reißt mich zu Boden und schleift mich in den Flur. Ein Knall. Wir sitzen immer noch zusammengepfercht im Flur, meine Mutter hat zu dieser Zeit wirklich Kette geraucht. Ich wusste nicht, was damals passiert ist. Ich wusste nur, dass wir im Krieg sind. Dass NATO-Truppen unser Land bombardieren, ich wusste nicht, wieso das passiert und ich wusste nicht, wie schlimm es war.

Zwei Tage später sitze ich mit meinem Bruder im Auto, unsere Eltern bringen uns nach Jagodina, eine Kleinstadt, dort soll es keine Gefahr vor Bombenangriffen geben. Mein Leben geht weiter, doch meine Eltern müssen sich immer wieder in Bunkern verstecken, sobald die Sirenen losgehen.

Ich habe weitergespielt und nicht gewusst, dass um mich rum Menschen sterben und in Angst leben. Ein paar Wochen später wird 30 Kilometer entfernt eine Fabrik zerbombt, die Wände haben gewackelt, mein großer Bruder ist vom Aufprall aus dem Bett gefallen – daran kann ich mich erinnern. 74 Tage Krieg und genauso viele Sirenen ertönen in Serbien. Wahrscheinlich genauso viele russische Panzer habe ich durch unsere Straße fahren sehen, sie wollten uns helfen, von dieser Hilfe weiß ich allerdings nichts.

Der überproportionale Waffeneinsatz ist 16 Jahre später immer noch zu sehen. Zerfalle Brücken und Gebäude schmücken den Süden Serbiens, mitten in Belgrad steht ein Gebäude – genauso wie es zerstört wurde. Es soll an die humanitäre Intervention der NATO in Serbien erinnern.

Ich kann nicht sagen, was an diesen Bombenangriffen humanitär war. Bis heute verstehe ich nicht, wieso wir angegriffen wurden. Auch verstehe ich nicht, wieso niemand außerhalb Serbiens vom Frühling 1999 spricht. Wenn ich meinen Freunden erzähle, dass ich einen Krieg miterlebt habe, glauben es die meisten erst nicht. Wovon ich spreche, fragen sie. Ich erzähle ihnen meine Geschichte und ernte viele bestürzte Blicke.

Ich habe mich auch nie getraut meine Eltern zu fragen, wie für sie diese 74 Tage im Frühling 1999 waren. Zu Zeiten der Flüchtlingskrise habe ich sie gefragt, wieso wir damals einfach nicht geflohen sind. Mein Vater erklärt mir, dass die Grenzen Serbiens geschlossen waren – damit niemand raus oder rein kann. Und das ist auch vorerst das Letzte, was mir meine Eltern über den Krieg sagen.

Heute sind vier Millionen Syrer auf der Flucht, eine Million davon sind Kinder, die im selben Alter sind, wie ich vor 16 Jahren. Ich kann verstehen, was in ihren Köpfen passiert.  Dass sie nicht wissen und nicht verstehen können, was in ihrem Leben passiert.

Denn jeder Tag im Krieg ist ungewiss. Das habe ich verstanden, als eine Bombe neben der Schule, in der meine Mutter als Lehrerin gearbeitet hat, hochging und 200 Zivilisten dabei sterben mussten.

Noch heute löst der Gedanke an diesen Frühling Wut in mir aus, weil ich nicht verstehe, wieso. Wieso meine Kindheitserinnerungen mit solchen Erinnerungen durchsetzt sind.

 

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