Der Weg ins Paradies: Arbeit kommt vor dem Gebet

19. Januar 2016

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Baye Fall
Gerrit Wilhelm

  Die islamische Glaubensgemeinschaft der Baye Fall betrachtet Arbeit und Nächstenliebe als Hingabe zu Allah. Beten und fasten muss diese auch in Wien zu findende Sufi-Bewegung nicht. Gegenseitiges Geben und Nehmen steht für sie an erster Stelle.

  "Der Islam, das ist der Friede", erklärt Amadou, während er seinen Café Touba trinkt. Der würzig-pfeffrige Mokka ist das typische Getränk der Baye Fall, welches ihnen beim ständigen Arbeiten Energie spendet. "Solidarität und Liebe, das sind die Baye Fall -  das ist der wahre Islam. Nicht das, was in Paris oder anderswo passiert. Egal welche Religion, wir sind doch alle Brüder und Schwestern." Die senegalesische Luft ist trocken und staubig - der Harmattan trägt den Sand der Sahara bis ins ganze Land. Amadou sitzt mit einem Glauensbruder im Schatten vor der Daara, einer Koranschule, und wartet auf seinen Lehrer.

  Um den Hals trägt Amadou ein Bild seines Marabouts, seines spirituellen Meisters, sowie zahlreiche Halsreife aus Leder und Holz. Diese spenden ihm Glück und Schutz und stärken ihn in seinem Glauben an Gott. Ein breiter Gürtel schmückt seine Hüfte, sein Gewand leuchtet in bunten Farben. "Siehst du all die Farben auf meinem Njaxaa? Das steht für die vielen verschiedenen Menschen und ihre Gemeinschaft. Wenn ich einen Fetzen von allen nehme, kann ich daraus dieses Gewand schneidern. Es ist ein Symbol für das Geben, für Freigebigkeit und Nächstenliebe." Ihre Gewänder näht die Baye-Fall-Gemeinde selbst. Die Dreadlocks auf ihrem Kopf stehen sinnbildlich für ihre ständige Arbeit, die ihnen keine Zeit für Haarpflege lässt.

Baye Fall
Gerrit Wilhelm

Baye Fall
Gerrit Wilhelm

  Seit drei Jahren schon ist Amadou ein Baye Fall in der Koranschule der Stadt Ziguinchor. Die Baye Fall sind eine islamische Bewegung innerhalb der Bruderschaft der Muridiya. Allein im Senegal gibt es fast 5 Mio. Muriden, von denen ein geringer Teil den Baye Fall angehört. Ihrem spirituellen Gründer Cheikh Ibra Fall folgend, leben sie nach dem Prinzip der Bescheidenheit und des einfachen Lebens. Mit Hilfsbereitschaft möchten sie das Leben aller erleichtern und orientieren sich an der Ethik "Arbeit kommt vor dem Gebet". So erkennen die Anhänger von Ibra Fall ehrliche Arbeit als kürzesten Weg zu Allah ins Paradies und halten sich an das Motto "Du erntest, was du sähst". In Form einer Hingabe für die Gemeinschaft und somit für Gott wird die Arbeit also zu einer Art Gebet. Auch vom Fasten sind die Baye Fall aufgrund ihres Arbeitsethos befreit.

  "Am nächsten fühle ich mich Gott, wenn ich mit anderen den Zikr 'La ilaha illa Allah' singe. Auf diese Weise trete ich mit Allah in Verbindung. Es ist wie ein Gebet, bei dem man sich mit Hilfe von Meditation von allem Weltlichen löst", beschreibt Amadou seine Gebetsphilosophie. Neben dem Verzicht auf bekannte Rituale der islamischen Lehre, halten die Baye Fall dafür fest an anderen religösen Traditionen - darunter die jährliche Pilgerreise Magal in die heilige Stadt Touba, das sogenannte 'afrikanische Mekka', sowie die Zelebrierung der Geburt des Propheten Mohammed (Gamou). Gläubige aus der ganzen Welt kommen zu diesen Anlässen nach Touba und nach Kaolack - sogar aus Österreich. Seit vielen Jahren schon leben einige Baye Fall mit ihren Familien in Wien.

Baye Fall
Gerrit Wilhelm

  "Ich bin schon viel gereist. Baye Fall gibt es überall auf der Welt: in Europa, in Amerika, in Afrika... sogar in Asien", schildert ein älterer Baye Fall seine Erfahrungen, während eine Dame eine große Schüssel mit Reis und Fisch bringt. Die Glauensgemeinde umfasst sowohl Männer als auch Frauen. Den Yaye Fall, also den weiblichen Mitglieder, wird ebenfalls großer Respekt entgegengebracht. Ihre Wertschätzung drücken die Männer durch ihre Unterstützung bei der Arbeit aus. "Probleme hatte ich noch nirgendwo im Ausland. Wir essen und trinken doch alle aus der gleichen Schale. Das Gemeinwohl ist, was zählt", sagt Amadous Freund, während alle anfangen, aus der Reisschüssel zu essen.  Trotzdem gibt es viele Moslems innerhalb und außerhalb des Senegals, die die Ablehnung von Gebet und Fasten kritisieren.

  Amadou und seine Glaubensgemeinschaft diskriminieren niemanden. Für sie bildet der Sufismus mit seinen mystischen und spirituellen Elementen das Herz des Islam. Das Singen, Tanzen und Meditieren lässt sie die Liebe und Nähe Gottes spüren. Allah zu dienen heißt für sie, der Gemeinschaft und den spirituellen Meistern zu dienen. Ohne ein reines Herz und ohne Achtung vor den Menschen und der Natur kann man laut Ahmadou Bamba, dem Gründer der Muridiya-Bruderschaft, Gott nicht dienen. So verabschiedet sich auch Amadou auf senegalesische Art mit den Worten "Nur der Friede! Wir gehören alle zusammen" ("Seulement la paix! On est ensemble."), bevor er sich wieder der Lehre des Korans und des Ordens zuwendet.

Baye Fall
Gerrit Wilhelm

  Ein Hauch vom spirituellen Senegal liegt auch in Wien in der Luft - der typische Café Touba hilft etwa im Weltcafé dabei, die harte Arbeit des Alltags zu erledigen. Die österreichische Gemeinde der Baye Fall veranstaltet außerdem hin und wieder Workshops und andere Vorstellungen.

Baye Fall
Gerrit Wilhelm

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