Die Angst in uns

23. August 2021

Ich drehe mich mindestens zwanzig Mal um, als ich in meine dunkle Straße einbiege, nehme einen Kopfhörer aus dem Ohr. Es ist spät. Ich merke, dass ein Mann seit mehr als zehn Minuten dicht hinter mir geht und werde nervös, beginne Optionen im Kopf zu suchen, die mich aus dem möglichen Szenario des Angriffs - im worst case einer Vergewaltigung - herausretten. Wenn niemand von meinen Liebsten abhebt, dann bleibt nur mehr eins: simulieren, dass ich telefoniere, aufgeregt und laut, jetzt aber dazu ja nicht übertrieben schnell gehen, sonst kneist der Komische, der mir schon 10 Blocks hinterherfolgt, dass ich Wind von seinem Vorhaben bekommen habe. Also gehe ich langsam, spreche laut und selbstbewusst mit meinem imaginären Gegenüber am Smartphone und fuchtle dabei mit den Händen, um zu zeigen, dass ich nicht schwach bin und genug Temperament habe mich zu wehren, wenns sein muss. Dann merke ich wie der Fremde sich nun immer mehr nähert, sein Schatten rechts am Boden verrät ihn, auch so ein Trick, den ich eintrainiert habe, damit ich mich nicht ständig auffällig umdrehen muss. 

Ich nehme meinen Schlüssel aus der Tasche, halte ihn griffbereit, um wenigstens irgendeine Waffe zu haben, nur zur Sicherheit, wenn es hart auf hart kommt. Den Tipp hat mir mal meine Nachbarin gegeben, um sich nachts vor möglichen Angreifern zu schützen. Ich halte herzklopfend mit der einen Hand meinen Schlüssel fest, mit der anderen mein Handy. Ich spüre, wie ich anfange zu zittern. Es ist 00:30 Uhr. Warum hab ich mir nicht doch ein Taxi gerufen? Aber es waren nur ein paar Straßen und ich wollte frische Luft schnappen! Ich war zu mutig und gutgläubig. Tausende Gedanken schießen mir durch den Kopf, was ich versäumt habe präventiv zu tun, damit es nicht zu dieser Situation kommt. Ich fühle mich selbst schuldig dafür, dass ich womöglich einem Verrückten zum Opfer Falle. Das wäre das Argument der Justiz: "Warum war sie so spät alleine unterwegs?"

Ich erinnere mich an Szenen aus meiner Kindheit, als ein Mann mitten auf der Straße gegen 6 Uhr abends im Winter unaufgefordert die Hosen runtergelassen hat, und ich panisch weggelaufen bin. Ich erinnere mich an vier Jungs, die mich in der U-Bahn belästigt haben und nicht aufhören wollten. Zivilcourage war da noch sehr out. Ich erinnere mich an eine Schar von Jungs, die mir im Park eine Watsche verpasst haben, weil ich mich gegen ihre Belästigungen gewehrt habe. Ich erinnere mich auch an unzählige Abende, an welchen meiner Freundin und mir in den frühen Morgenstunden jemand nachgefahren oder nachgelaufen ist.

Ich atme tief durch und gehe alle Kickbox-Moves durch, die ich ein paar Jahre lang gelernt habe. Ob ich sie anwenden kann, weiß ich nicht, meine Knie sind weich wie Butter, ich bin starr vor Angst. Ich sehe das Gebäude, in dem ich wohne und den leeren Parkplatz, daneben den großen Park. Das wäre der perfekte Platz, wo er mich hinschleppen könnte. Mein Puls wird immer schneller, ich versuche mich zu beruhigen, doch ich sehe keine Menschenseele auf der Straße. Wer soll mir also helfen? Jetzt den Notruf wählen? Die Angst blockiert mich. Von weitem hört man Autos vorbeizischen, leider viel zu weit von meinem Standort. Ich fasse allen Mut zusammen und bin bereit mich dem Inferno zu stellen, komme nun immer näher an mein Haustor - auch in mein Gebäude könnte er mich hineinschleppen, über solche Vorfälle habe ich auch gefühlte 100 Mal gelesen - will mich gerade umdrehen, um ihn zu verscheuchen, als ich sehe wie mein Nachbar am Fenster im Erdgeschoss erscheint und sich genüsslich eine Tschick anraucht. Ich atme tief aus. Oh mein Gott! Mir fällt kein Stein, sondern eine ganze Ladung davon vom Herzen. Noch nie habe ich mich so sehr gefreut meinen Nachbarn zu sehen. Ich gehe nun in sicheren Schritten weiter, begrüße ihn, werde langsamer und halte vor seinem Fenster, beginne ein Gespräch. Der Fremde geht schnell an mir vorbei, mit gesenktem Kopf. Ich blicke nach rechts, um mich zu vergewissern dass er wirklich weg ist. In mir sitzt die Angst noch tief.

Ich bin gerettet. Vorerst, für heute.

Welche Frau kennt solche Szenarios nicht?

Die traurige Wahrheit ist: auf dieser Welt gibt es keine Frau, der nicht Ähnliches oder Schlimmeres widerfahren ist.

Jede Frau kennt die Situation, wenn der Taxifahrer einen anbaggert ("Hast du einen Freund? Magst mir deine Nummer geben, warum so spät alleine unterwegs?") oder er sich verfährt, die Türen verriegelt und plötzlich irgendwo im Nirgendwo stehen bleibt. Jede Frau weiß, wie es sich anfühlt, wenn man mit den Mädels den Abend (oder Tag!) verbringt und eine davon früher gehen muss. "Komm gut heim und schreib, wenn du angekommen bist" - das ist nicht bloß eine nette Floskel, sondern wortwörtlich gemeint. Wenn es spät in der Nacht ist, begleitet man die Freundin bis zum Taxi, schreibt sich bei Bedenken das Kennzeichen auf. Man checkt dann per WhatsApp wie der Taxifahrer drauf ist, ob er e richtig tickt und will Info darüber, wenn sie ihre Wohnung heil betritt. Jede Frau weiß, wie ekelhaft es ist, in zu ruhigen, unsicheren Gegenden herumzulaufen. Unbehagen, Angst, Vorsicht, Umsicht, mulmiges Gefühl. Vor allem, muss man darauf achten was man trägt, kurze Sachen wirken aufreizend und sind für viele Männer ein Freibrief, erst recht anzugreifen. Das ist zwar pathologisch, aber viel zu oft das Argument für viele Vergewaltigungen "Sie war ja so aufreizend angezogen". Was ist mit den Zugeknöpften bis zum Hals? Belästigt wird man als Frau auch im Kartoffelsack. Nicht die Freizügigkeit ist Schuld für eine Belästigung oder Misshandlung, sondern ein kaputter Mensch. Es ist die kranke Neigung diverser Männer, nicht die sichtbar nackte Haut, die sie dazu bewegt.

Und dann gibt es noch immer Männer, die meinen "Was soll schon passieren, wenn sie alleine nach Hause geht, es ist neun Uhr abends, Wien ist so sicher". Daher begleitet er sie nicht nach Hause, weil der Herr eben in seiner Seifenblase lebt, wo nur er selbst drin vorkommt. Ja, ihm wird sicher nix passieren, auch wenns stockdunkel ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass ihn jemand überfällt, ist minimal. Bei einer Frau sieht das schon anders aus. Viele meinen, na organisier dir doch als Frau ein Auto. Gut, dann hat man ein Auto. Und dann? Man sucht sich nachts keine zu dunklen Parkplätze, da die Gefahr auch hier groß ist, Opfer von kranken Wesen zu werden. Der Weg vom Parkplatz nach Hause darf dann auch nicht zu weit sein, hier könnte wieder jemand zuschlagen. In Parkhäusern sind es sogar extra belichtete Parklücken für Frauen, die uns schützen sollen, damit man besser erkennt, ob sich dort ein potentieller Vollkoffer versteckt. Ihr seht, egal wie man es dreht, die Gefahr lauert für uns ewig und überall.

Nun versuche man sich mal bitte für einen Moment (oder öfters) hineinzufühlen in diese unterdrückte Angst, die wir Frauen uns ständig schönreden müssen. All das, weil man ist, was man ist. Eine Frau.

Und wenn das jetzt einige als emotionales Gefasel oder männerverachtendes Bla-Bla begreifen: dieses Tabuthema, das so alltäglich ist, sollte endlich in unserer Gesellschaft behandelt werden. Hier geht es nicht um Männerhass, überhaupt um keinen Hass, sondern um Aufklärung. Es geht auch nicht um Schutz an sich oder eine Stadt, die ungefährlich ist oder nicht. Für eine Frau kann jeder Ort gefährlich werden. Es ist ein weltweites Problem - kulturunabhängig. Verfolgung und sexuelle Belästigung widerfährt Frauen oft. Viel zu oft. Die Frage bleibt also: Was können wir tun? Sprecht mit euren Brüdern, Söhnen, Cousins, Patenkindern, Freunden, Bekannten darüber und macht sie auf dieses Thema aufmerksam. Bemüht euch ihnen zu erklären, wie man ein gesundes Bewusstsein entwickelt. Vielen wurde das in der Erziehung nicht mitgegeben. Dass Belästigung, mentaler oder physischer Art, ein No-Go sind. Dass Nein wirklich auch Nein bedeutet. Dass Zivilcourage immer im Trend ist.

Dass man eine Frau beschützt. Dass der Feminismus, die Karriere und andere postmoderne Erscheinungen nicht die Tatsache hinweggenommen haben, dass man mit uns sorgsam und rücksichtsvoll umgeht. Dass man nicht pöbelt, pfeift oder sonst welche animalischen Töne von sich gibt, wenn ein weibliches Wesen vorbeigeht - ganz gleich wie sie aussieht. Der zweite Schritt für mehr Aufmerksamkeit, Schutz und Bewusstsein wäre eine Generalsanierung vieler unserer Gesetze. Viel zu viele Lücken, die in der Realität bedeuten das erst wirkliche Hilfe durch die Polizei geleistet wird, wenn etwas Dramatisches passiert. Misshandlung oder Tod.

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