„Die Corona-Krise ist nur ein Vorgeschmack“

19. März 2021

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Menschenkette FFF
Menschenkette um den Ring (Foto: Sven Beck)

Mehrere tausend Menschen bildeten diesen Freitag eine Menschenkette um den Wiener Ring. Sie streiken fürs Klima, seit über drei Jahren. Ein Jahr davon war Pandemie. Was die eine mit der anderen Krise zu tun hat und ob man überhaupt unterscheiden soll. 

 

Viet nimmt ein Stück Faden, hält es fest, spannt es und gibt den Knäuel an die nächste Person weiter. Der 25-Jährige Viet kommt eigentlich aus Stuttgart und ist beruflich in Wien. Jetzt wird er Teil einer langen Menschenkette, die sich, verbunden durch den Faden, um den ganzen Ring zieht. So macht die Klimabewegung „Fridays for Future“, trotz Pandemie, auf die näher rückende Katastrophe aufmerksam. Unübersehbar für jeden, der an diesem Freitag in der Stadt unterwegs ist. Allerdings sinkt die Teilnehmerzahl an den globalen Streiktagen ein wenig. Besonders in Lockdown-Zeiten rücken Klimapolitik und Klima-Aktivismus in den Hintergrund. Was hat sich durch den Pandemie-Stillstand bei „Fridays for Future“ getan? Was bedeutet Covid fürs Klima? Ich habe vor Ort nachgefragt.

Ein leichtes Lächeln umspielte die Lippen der deutschen Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) als sie vorige Woche ankündigen durfte, was niemand so richtig erwartet hatte. Deutschland hat seine selbst auferlegten Klimaziele tatsächlich einhalten können. Große Erleichterung: Es klappt ja doch. Experten warnen allerdings vor einem Backlash, sobald das Coronavirus besiegt ist. „Wegen Covid hat das funktioniert“, sagt auch Viet: „Darauf stolz zu sein ist Mist.“ Doch nicht nur in Deutschland sinken die Emissionen. EU-weit sind die Treibhausgasausstoße letztes Jahr um elf Prozent zurückgegangen. Weltweit sind es sieben Prozent. Vielleicht ist die Coronakrise also historisch gesehen ein Geschenk?  

Viet, 25, ist Teil der Kette für Klimagerechtigkeit (Foto: Sven Beck)
Viet, 25, ist Teil der Kette für Klimagerechtigkeit (Foto: Sven Beck)

„Im Gegenteil“, meint der 20-jährige Max, der seit drei Jahren Teil der Bewegung ist und vor dem Burgtheater eine Rede hält: „Pandemien sind ein Symptom der Globalisierung und des jetzigen Systems, genau wie der Klimawandel.“ Die Coronakrise sei die erste spürbare Auswirkung eines weitaus schlimmeren Phänomens. Als vor einem Jahr alles begonnen hat, erzählt der Boku-Student, habe er gespürt, dass das ein Anfang dessen war, vor dem die Klima-Aktivisten jeden Freitag warnten. Natürlich sei er trotzdem überrascht gewesen, dass es in dieser Form kam. Ein back to normal wird es, wenn es nach Max ginge, gar nicht geben dürfen: „Es ist für mich auch scheiße“, gibt er zu: „Wenn ich darüber nachdenke, dass Vieles nicht mehr so gehen wird wie früher, unabhängig von den jetzigen Einschränkungen wie Maskentragen. Mit Krisensituationen werden wir aber auch in Zukunft klarkommen müssen.“ Damit meine er besonders die psychischen Auswirkungen von Krisen. Er befürchtet, dass es heuer nicht das letzte Mal sein wird, dass ein System weltweit an seine Grenzen kommt. 

Warnungen und Zukunftsängste

In Wirklichkeit haben Umwelt- und Globalisierungsexperten schon vor Jahren vor einer Pandemie gewarnt, so wie sie jetzt vor einer kaum zu stoppenden Spirale der Erderwärmung warnen. Bis 2050 soll es weltweit eine Milliarde Klimaflüchtlinge geben, das ist ungefähr so, als ob ganz China das Land verlassen muss. Die Corona-Krise hat zwar, durch den Wirtschaftsstopp während der Lockdowns, die globale Emissionsbilanz 2020 ein kleines bisschen positiver ausfallen lassen, doch, wenn die Impfungen gut anlaufen und die Wirtschaft weltweit wieder in Gang kommt, sind es dieselben Energien, die vorher auch schon genutzt wurden. Der Rückgang hat keinen Bestand.

Viele, mit denen ich rede, schildern mir diese Ängste. Die Corona-Krise, mit all ihren Einschränkungen, ihren Ungerechtigkeiten und der vollen Wucht auf die Psyche der Einzelnen, ist ein Anfang. Es werden nicht immer Masken, Impfungen und Lockdowns sein, die die Krisen der Zukunft ausmachen. Aber mehr Krisen werden kommen. Und es wird immer wichtiger, wie in der Menschenkette, auch in der Gesellschaft solidarisch zu sein und zusammenzuhalten.  

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