Die Generation Erdogan

25. März 2015

Seit nun 12 Jahren regiert Recep Tayyip Erdoğan die Türkei. Mittlerweile ist eine ganze Generation von der Politik der AKP geprägt. Die deutsch-türkische Autorin Cigdem Akbulut analysiert in ihrem Buch „Generation Erdogan“ die politische Prägung der türkischen Gesellschaft unter Erdogan und sucht nach den Gründen seiner Beliebtheit.

Lesung Cigdem Akyol
Foto: Onur Kas

Man stelle sich vor: Um die Wirtschaft anzukurbeln beschließt die österreichische Regierung auf dem Gebiet des Praters ein kolossales Einkaufszentrum zu errichten. Daher müssen die Bäume fallen. Um dies ohne jeglichen Widerstand zu durchzusetzen, werden unliebsame Verwaltungsbeamte versetzt und durch parteiloyale Akteure ersetzt. Kritische Journalisten werden als Terroristen bezeichnet und um die Presse einen Maulkorb umgehängt. Demonstrationen gegen diese Missstände werden von der Polizei in Keim erstickt. Zugegeben. In Österreich befinden wir uns nicht weit vor solchen Zuständen. Aber der Aufschrei wäre groß und vorgezogene Vorwahlen sicher. Die Regierung würde einen Denkzettel bekommen.

In der Türkei ticken die Uhren dagegen anders. Obwohl die Regierung Demonstrationen niederknüppeln lässt, das Land in einen Polizeistaat umwandelt, in die Privatsphäre seiner Bürger eindringt und dessen Regierungschef mit fragwürdigen Aussagen über die Gleichstellung der Geschlechter auffällt, schenkt das Volk ihnen die absolute Stimmenmehrheit.

Die deutsch-türkische Autorin Ciğdem Akyol versucht dieses Phänomen in ihrem kürzlich erschienen Buch „Generation Erdoğan“ zu beantworten. Gestern präsentierte sie gemeinsam mit dem ehemaligen ORF-Türkei-Korrespondenten Christian Schüller in einer Wiener Buchhandlung ihr Werk. Es soll einen differenzierten und kritischen Blick auf den Politikstil Erdoğans geben.

Eine Generation, ein Staatsmann

Mittlerweile ist eine ganze Generation davon geprägt. „Konkret sind es junge Menschen, die in den 1990er geboren wurden und aufwuchsen. Seit sie eigenständig politisch denken können, hat sie einen beispiellosen wirtschaftlichen Aufschwung und nur einen Mann an der Spitze erlebt. Anders als ihre Vorgängergeneration, empfinden sie die zunehmende Zensur, eine islamische Autokratie und das Beschneiden demokratischer Grundrechte als Normalität.“, zeigt sich Akyol besorgt.

Das geschieht ganz im Sinne des „Neo-Sultans“. Mehrfach hat er erklärt, dass er eine religiöse Jugend heranziehen wolle. Die Zahlen und Maßnahmen sprechen für sich: 474.196 Schülerinnen und Schüler besuchen die religiösen „Imam-Hatip-Schulen“. Seit der Regierungsübernahme der AKP 2002 ist diese Zahl um das sechseinhalbfache gestiegen. Auch reguläre Mittelschulen und Gymnasien bekommen einen religiösen Anstrich verpasst. Es gibt immer wieder Berichte darüber, dass naturwissenschaftliche Fächer dem Religionsunterricht weichen müssen und getrennte Schulklassen zwischen Jungs und Mädchen eingeführt werden.

"Er umarmt die Menschen und spricht mit ihnen auf Augenhöhe"

Die Türken lassen ihn gewähren. „Erdoğan trägt eine inszenierte Parteiveranstaltung nach der anderen aus. Er versprüht seinen Charisma, er umarmt die Menschen, spricht mit ihnen auf Augenhöhe und vermittelt ihnen stets, dass er einer von ihnen sei.“ Akyol unterscheidet hier zwischen „schwarzen“ und „weißen“ Türken. Während die „weißen Türken“ die kemalistische und militärische Elite abbilde, die zur Oberschicht gezählt werden, gehören die „schwarzen Türken“ zu der Unterschicht, die religiös sozialisiert wurden, in Arbeitervierteln aufwuchsen und den Kampf gegen die Unterdrückung durch die Kemalisten auf der Straße gelernt haben. „Er stammt aus Kasımpaşa, einem konservativen Viertel im Istanbuler Stadtteil  Beyoğlu. Daher kann er den einfachen Leuten glaubwürdig vermitteln, dass er sich um ihre Sorgen kümmere, wie ein Großvater um seine Enkel.“

20 Jahre an der Macht

Das „Prinzip Erdoğan“ beruhe auf diese erlebten Prägungen. Menschen wie Erdoğan galten als arme Bauern, die pauschal verdächtigt wurden, Islamisten zu sein. Doch der AKP-Politiker konnte geschickt diese Nachteile in Stärken umwandeln, indem er sich als Stehaufmännchen  an den Feindseligkeiten der Kemalisten rächte. Das Militär, der sich in der Vergangenheit regelmäßig an die Macht putschte, wurde entmachtet. Dagegen wurde die Polizei mit Parteigetreuen gestärkt. Erdoğan bastele sich eine Türkei ganz nach seinen religiösen Vorstellungen „2023 feiert die Türkei ihr hundertjähriges Bestehen. Sollte Erdoğan noch im Amt sein, stünde er seit 20 Jahren an der Staatsspitze und würde Atatürk überholen.“ Der Republikgründer wäre dann ein Schatten seines Selbst.

 

 

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