„Die haben AK-47!“

04. November 2020

„Ich denke, diese zwei Minuten Verzögerung könnten uns gerettet haben.“ A. befand sich zur Zeit des Terroranschlags in der Wiener Innenstadt in der Nähe des Ausgehviertels Bermuda-Dreieck. Hier teilt er anonym seine Erfahrungen.

Ich traf mich nach der Arbeit mit einem Freund am Schwedenplatz. Wir aßen etwas in einem türkischen Lokal nahe der Treppe zum Ruprechtsplatz, die Stimmung im Lokal war gut. Es war recht viel los, da es sehr warm war und natürlich die letzte Nacht vor dem Lockdown war. Wir zogen ins Mel’s No. 2 in der Salvatorgasse weiter, tranken dort ein weiteres Bier. Ich ging gegen 20 Uhr zur Bank in der Wipplinger Straße, inzwischen bekam ich einen Anruf von meinem Kumpel, dass er seine Tasche im ersten Restaurant vergessen hatte und sie holen wollte. Ich sagte ihm, er solle da bleiben, wo er ist, damit wir gemeinsam zurückgehen können. Doch er ging weg und wollte mir irgendwie entgegenkommen.

„Mitten im Zentrum?“

Rückblickend denke ich, dass diese zwei Minuten Verzögerung uns vielleicht sogar gerettet haben könnten. Wir suchten uns in den Seitengassen, bevor wir uns wieder am Eingang des Mel’s No. 2 fanden. Als wir uns auf dem Weg Richtung Salzgries befanden, fielen die ersten Schüsse. Ich dachte mir nicht viel dabei, aber mein Kumpel sagte sofort, dass es definitiv Schüsse sind und wir umdrehen sollten. Dann hörten wir weitere Schüsse, ein Paar lief uns auf den Stiegen entgegen und sie riefen: „Die haben AK-47!“ im vorbeilaufen. In der Marc-Aurel-Straße saßen Leute, die munter plauderten. Mein Kumpel sagte ihnen, dass gerade jemand in der Nähe schießt, aber sie wollten es nicht glauben. Dann wieder Schüsse. Wir gingen zum Hohen Markt, mein Kumpel fühlte sich unwohl und riet immer noch dazu, lieber woanders hinzugehen. Schüsse, mitten im Zentrum? In der Nähe einer Synagoge? Es war weit und breit keine Polizei zu sehen. Deshalb dachte ich zunächst, dass es nichts Ernstes sein konnte.

„Corona war überhaupt kein Thema.“

Nach ein paar Minuten fuhr ein Wagen ohne Sirene, aber mit Blaulicht vorbei. Auf dem Weg in Richtung Stephansplatz fuhren immer mehr Polizeiwägen die Rotenturmstraße hinunter. Selbst als wir Polizisten in schwerer Uniform mit Helm und Schutzweste auf der Straße sahen, dachten wir noch, dass wir diesen Rucksack holen könnten. Auf der Höhe des Fleischmarktes hat die Polizei aber schon alles abgesperrt. Viele Lokalgäste standen in der Straße rum, aßen und tranken in den Schanigärten. Die Polizisten schrien, alle sollen weg von dort. Sie schrien aus vollem Hals, aber man hörte sie kaum. Ich sah wie eine Frau einem schwerbewaffneten Wega-Beamten mit einer Geste zeigte, dass jemand dort um die Ecke gegangen ist. Er schlich mit eingeschaltenen Laser an der Waffe fort. Mein Kumpel und ich sind in die erstbeste Bar gegangen, die Betreiber riegelten alles ab und ließen die Gäste ausnahmsweise sogar drinnen rauchen. Niemand trug eine Maske, Corona war in diesem Moment überhaupt kein Thema. Erst gegen halb drei konnte ich mich zu Fuß auf den Weg nachhause machen. Auf dem Weg fühlte ich mich relativ sicher, da entlang des Donaukanals überall Polizisten waren.

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