Die Rebellen vom Bosporus

18. Februar 2021

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Bogazici
Boğaziçi Proteste © Zur Verfügung gestellt

Seit der Ernennung eines Uni-Rektors durch Präsident Erdoğan im Jänner 2021 gehen StudentInnen der Boğaziçi-Universität auf die Straße. Sechs von ihnen erzählen Biber von willkürlicher Polizeigewalt, religiös aufgeladener Stimmung und appellieren an uns alle, nicht wegzuschauen.

Am 02.01.2021 ernannte der türkische Präsident Erdoğan den neuen Rektor der berühmten Boğaziçi-Universität in Istanbul: Melih Bulu ist vor allem durch seine Nähe zur AKP bekannt. Die Studierenden wollten die politische Einflussnahme an ihrer Universität nicht akzeptieren und machen seitdem Druck. Sie fordern eine demokratische Wahl und dafür gehen sie auch auf die Straße. Seit sechs Wochen werden die Proteste von der Polizei niedergeknüppelt, Berichte von willkürlichen Verhaftungen machen die Runde. Die westlichen Medien schweigen. Sechs Studierende, die an den Protesten teilnehmen, erzählen vom Kampf gegen die politische Instrumentalisierung der Boğaziçi-Universität.

Bogazici
Oğulcan © Sevban Cander

Oğulcan, 23, studiert Volkswirtschaft

"Ich mache mir Sorgen um die zukünftige Qualität meiner berühmten Universität und frage mich, ob mein Diplom noch etwas wert ist, wenn deren Rektor nicht demokratisch gewählt wurde. Als er in einer Live Youtube-Sendung aufgetreten ist, dachte ich mir, dass jemand von uns Studierenden auch unbedingt dabei sein muss. Ich habe es tatsächlich geschafft, mich mit einem Anruf mich dazuzuschalten und die Perspektive der Studierenden zu schildern. Dadurch erfuhr ich eine immense Unterstützung durch meine KollegInnen, was mich noch mehr motiviert, auf der Straße für eine unabhängige Wissenschaft zu protestieren."

Arif, 22, studiert Politikwissenschaft

"Am meisten hatte ich Angst, als ich Scharfschützen am Campus sah. Es war ein schrecklicher Tag. 51 Personen wurden verhaftet, ohne eine Straftat begangen zu haben. Aber die Angstphase ist jetzt vorbei! Ich weiß, dass wir auf der richtigen Seite der Geschichte stehen. Wir haben mittlerweile eine Routine: Am Montag fangen wir an und demonstrieren bis Freitag. Am Wochenende ruhen wir uns aus. Dann geht’s wieder los. Es ist somit eine Art Widerstandskultur entstanden. Aber nicht die Anzahl der ProtestantInnen, sondern die Beharrlichkeit zählt. Wir müssen protestieren, egal wie lange es dauert. Übrigens wird an der Uni weitergelehrt. Ich musste kurz von unserem Gespräch eine Prüfung schreiben."

Bogazici
Rümeysa © Rümeysa Özüyağlı

Rümeysa, 26, studiert Internationale Beziehungen und Politikwissenschaft

"Ich bin eine muslimische Frau mit Kopftuch, die in Folge einer Kunstausstellung am Campus verhaftet wurde. In der Ausstellung am 30.01. ging es um ein Kunstwerk, auf dem die Kaaba (quaderförmiges, im Islam heiliges Gebäude in Mekka) mit einer LGBT-Flagge zu sehen war. Nachdem das Kunstwerk plötzlich verschwand, stellte ich dem Rektorat einen Antrag, indem ich fragte, wo es jetzt ist und wurde danach verhaftet, obwohl ich nichts mit der Ausstellung, deren Organisation tun hatte. Ich hatte riesige Angst. Auch die Polizei war schockiert, dass eine muslimische Frau wegen einem Kunststück, das angeblich den Islam beleidigte, unter Haft stand. Ich durfte nach einer Nacht im Gefängnis nach Hause gehen."

Bogazici
Olcay © Behram Evlice

Olcay, 21, studiert Chemie

"Ich gehöre zu der LGBTQI+-Community in Istanbul. Dass non-binäre Personen es in der Türkei schwer haben, ist keine neue Erkenntnis. Seit ich 14 bin, wurde ich wegen meiner sexuellen Orientierung diskriminiert. Weil ich Angst vor einer Verhaftung habe, lief ich um mein Leben, als 51 Personen am Campus verhaftet wurden. Nicht jeder protestiert also im Vordergrund. Ich kümmere mich zum Beispiel um die Organisation von Interviews und koordiniere die Menschen, die Videos drehen, damit die Ereignisse weitererzählt werden."

Bogazici
Gülru © Emre Kaya

Gülru, 22, studiert Soziologie

"Es gibt keinen Staat, der für meine Lebenssicherheit sorgt. Gleich am ersten Tag der Proteste am Campus griffen uns die Polizisten mit Pfefferspray an. Man konnte viele Studierende sehen wie sie husteten und sich erbrachen. Weißt du, dass es noch schlimmer wird, wenn man Pfefferspray unter die Maske bekommt? Als diese Grenze überschritten war, habe ich die Polizisten aufgefordert, uns nicht mehr anzugreifen.  Manche von ihnen hörten auf mich. Ihr Vorgesetzter hingegen meinte nur „Wisch sie ab!“. Als wären wir Dreck auf der Straße. Dieser enorme Druck bringt uns aber auch näher zusammen. Durch die Proteste habe ich so tolle Menschen wie Olcay und Rümeysa kennengelernt."

C. (möchte anonym bleiben), 23, studiert Physik

"Ich bin eine der 51 Personen, die am 01.02. verhaftet wurden. Obwohl wir hier für Menschenrechte und Demokratie kämpfen, sind wir wie Religionsfeinde behandelt worden. Es gab drei Phasen der Verhaftungen. Zuerst gab es die gesundheitliche Untersuchung. Davor mussten wir alle dreieinhalb Stunden im Bus ohne Einhaltung der COVID-Abstandsregeln warten. Dann wurde ich, gemeinsam mit sechs anderen, drei Tage lang in einer Gefängniszelle festgehalten. Der psychische Druck war da drinnen nicht auszuhalten. Eine Freundin von mir brauchte ein Medikament gegen Nierenschmerzen. Die Wärter brachten es ihr erst nach zwei Tagen. Um auf die Toilette zu gehen, mussten wir manchmal stundenlang warten. Unsere Zuversicht hat mir Kraft gegeben, weiter zu kämpfen."

Appelle an den Westen

Olcay: „Hört uns zu! Macht unsere Geschichte hörbar!“

Rümeysa: „In Europa ist es leichter, linke Gedanken zu haben und diese umzusetzen. Ich würde euch empfehlen, es hier mal zu probieren.“

Arif: „Die Türkei hat wertvolle Ausbildungsinstitutionen. Das wollen wir behalten. Was wir hier machen, wird wahrscheinlich später in die Geschichte eingehen."

Gülru: „Schafft euch Gehör, ohne eingebildet zu wirken! Und erzählt die Geschichte, ohne Westzentrismus zu betreiben.“

 

 

 

 

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