Die Türkin, die keinen Cay trinkt

19. August 2020

Die Türkei und Tee, oder „Cay“ wie er auf Türkisch heißt, ist eine unzertrennliche Beziehung. Wenn man Fragen würde, wer war zuerst da, der Cay oder die Türkei, könnte man sicher Stunden lang darüber philosophieren. Denn kaum etwas spricht so für die türkische Kultur, wie in warmer „Cay“ im passenden kleinen Gläschen serviert. Egal wo oder wann, bei Türken ist Cay immer angebracht. Was trinkt man in der Früh? Cay. Was wird einem serviert, wenn man wo zu Gast ist? Natürlich Cay. Was wird in klassischen türkischen Kaffeehäusern getrunken, obwohl es im Anblick auf den Namen dieser eigentlich sehr ironisch ist? Ich glaube ihr könnt euch die Antwort mittlerweile denken.

Kein Haushalt ohne Caydanlik

Cay gehört einfach zur Türkei, obwohl seine Geschichte nicht mal so weit zurück geht. Erst nach dem ersten Weltkrieg etablierte sich das rötliche Getränk, weil das eigentliche Traditionsgetränk Kaffee zu teuer wurde. Und nun ja, billig hin oder her, es schien den Menschen auch zu schmecken. Es schaffte es in die Herzen, sowie wie auch in den Alltag. Ein türkischer Haushalt ohne „Caydanlik“, eine zweiteilige Teekanne (siehe Bild unten), die extra für die Zubereitung von Cay gedacht ist, unvorstellbar. Bis heute überkommt mich ein vertrautes Gefühl, wenn ich ein Caydanlik sehe. Dabei mag ich Cay nicht einmal. Ich traue es mich kaum zu sagen, aber ich in meinem Leben noch keinen einzigen Tropfen Cay getrunken. Ja, ihr habt richtig gelesen: Eine Türkin, die keinen Cay trinkt.

Caydanlik
Et-verre-tulipe

„Was du trinkst keinen Cay? Wirklich nie?“

Seit ich mich erinnern kann, widert mich der Geruch davon unglaublich an. So schlimm, dass ich, wenn es nur irgendwie möglich ist, denn Raum verlasse, sobald ich es riehe. In einem Haushalt aufzuwachsen, wo mindestens einmal am Tag Cay getrunken wurde, war daher nicht immer so einfach für mich.

Noch viel schlimmer war es aber eigentlich, wenn ich in der Türkei war. Denn mal abgesehen davon, dass ein beachtlicher Teil der Türken sicher eine Art Abhängigkeit zu Cay pflegt, habe ich doch meine Mutter unzählige Male sagen gehört „Ohne Cay am Morgen, kriege ich Kopfschmerzen“, ist es auch ein Akt der Höflichkeit Cay zu trinken, wenn einem einer serviert oder angeboten wird. Einen Cay abzulehnen, kann da schonmal fast wie ein Rebelllionsakt wirken.

Ich kann mich da sehr genau an ein Gespräch mit meiner Tante erinnern, indem sie erzählte, dass sie so oft Herzrasen bekommt, weil sie an einem Arbeitstag bis zu 15 Cays trinke. Aber was solle sie machen? Jedes Mal, wenn wer zu ihr ins Büro kam, war es für sie üblich mit demjenigen einen Cay zu trinken. „Da kann ich nicht ablehnen“, betonte sie.  Ein Italiener könnte zu Pizza und Pasta ja auch schlecht nein sagen.

Dass ich überhaupt keinen Cay trinke, kommt daher auch meistens nicht so gut an. „Was, du trinkst keinen Cay? Wirklich nie?“ fragen mich Leute oft ganz erstaunt. „Nein, wirklich nie“, muss ich dann antworten und darauf hoffen, dass sich die Person nicht in ihrer Gastfreundlichkeit angegriffen fühlt. In solchen Momenten hoffe ich mir, ich könnte Cay doch einfach trinken und alles wäre gut. In meiner Familie ist es zum Glück überhaupt kein Problem mehr, wissen die meisten doch von meiner Abneigung. Sie fragen mittlerweile gar nicht mehr und bieten mir gleich das traditionelle warme Getränk an, dass meiner Meinung nach viel mehr Aufmerksamkeit verdient hätte: Einen türkischen Kaffee mit ganz viel „köpük“ (zu Deutsch Schaum).

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