Ein Jahr danach

02. November 2021

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Anschlag Wien November Terror
Foto: Vivien Belschner/@vanillaholica

In Gedenken an Nedjip, Grudrun, Quiang und Vanessa.

Wien, 02.11.2020, 20:50.
Ich komme nach Hause, ziehe mir die warme Jacke aus und schaue auf mein Handy. 13 verpasste Anrufe, über 100 neue WhatsApp-Benachrichtigungen. Verwundert öffne ich einen Chat nach dem anderen und kann es nicht fassen. Ich will nicht glauben, was ich da lese.

Meine Knie werden schwach, mein Herz rast, und mir ist unglaublich schlecht. Ein Anschlag. Ein Anschlag in Wien.

Anschlag Wien November Terror
Foto: Vivien Belschner/@vanillaholica

Zuvor war ich mit meiner Freundin und unseren zwei Hunden draußen, wir hatten Lust auf einen netten Spaziergang. Mal was anderes, bisschen raus aus der Wohnung, aus dem Bezirk und das abendliche Wien erkunden – das war unser Plan. Unser Ziel war anfangs noch die Region Donaukanal/Schwedenplatz. Am Weg dorthin haben wir uns spontan umentschieden – zum Glück – und sind einfach durch die alten Gassen des neunten Bezirks geschlendert.

Zuhause dann, die schockierende Nachricht.

Sofort rufe ich meine Familie an, warne sie und hoffe, dass sie alle in Sicherheit sind. Nachdem ich auch sichergegangen bin, dass meine Freund*innen außer Gefahr sind, hatte ich Zeit für eine andere Art der Panik.

Wir verfolgen Florian Klenks sekündlichen Updates auf Twitter und tausende Gedanken fluten meinen Kopf. Atmen fällt schwer und mein Körper hört nicht auf zu zittern.

Ich mache mir Sorgen – im Nachhinein zurecht. Ich habe Angst, dass der Anschlag islamistisch motiviert sein könnte und in der Hinsicht auch darum, was das für meine muslimischen Freund*innen bedeuten könnte. Ich habe Angst, wie die österreichische Medienlandschaft und die Politik reagieren wird. Davor, dass antimuslimische, antiarabische Gewalt in den nächsten Tagen und Wochen einen neuen Höchststand erreichen könnte.

Und genauso kommt es auch. Alle Ängste bestätigen sich.

Ich erinnere mich heute noch an ein schmerzhaftes Gespräch mit einer muslimischen Freundin von mir einige Tage nach dem Anschlag. Auf meine Frage wie es ihr denn ginge, sagte sie nur: „Ich habe Angst rauszugehen, Maryam. Ich versuche zuhause zu bleiben, wenn es geht.“

Eine Hijabi-Freundin fragt mich: „Wird der Hass hier genauso ausarten, wie damals in Frankreich? Werden Medien und Politik zwischen Islam und Islamismus differenzieren?“

Wie sehr viele Muslim*innen fürchteten die beiden, der Alltagsrassismus, mit dem sie sich tagtäglich konfrontiert sehen, könnte häufiger und aggressiver werden.

Keine Überraschung, dass sich die Befürchtungen leider schnell bewahrheiteten. Bald schon bestätigen nämlich auch Anlaufstellen gegen rassistische Diskriminierung, wie ZARA und Dokustelle, dass nach dem Terroranschlag im November tatsächlich ein drastischer Anstieg an rassistischen, islamophoben Gewaltdelikten verzeichnet wurde. 2020 sind die Übergriffe im Vergleich zum Vorjahr um ganze 34 Prozent gestiegen – das geht aus dem jährlichen „Antimuslimischer Rassismus Report“ hervor, der dieses Jahr von der Dokustelle veröffentlicht wurde.

Die Schuld dafür sehe ich vor allem bei den pauschalisierenden Texten der weißen österreichischen Medienlandschaft und den rassistischen Reden etwaiger Politiker*innen. Anstatt die Gesellschaft zusammenzubringen, und zu deeskalieren, wird lieber polarisiert. Als Folge werden muslimische Bürger*innen unter Generalverdacht gestellt - gesellschaftlich und politisch. 

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