Ein Leben in zwei Welten

19. Juli 2018

Ich lebe in zwei Welten.  Denn die Grundlage der Sozialisation wird bereits während der frühen Kindheitsphase innerhalb der Familie festgelegt. Das Kind erlernt, in wie weit es sich anpassen muss oder sich durchsetzen kann. Während von Mädchen ein hohes Maß an Freundlichkeit, Zurückhaltung und Gehorsam erwartet wird, dürfen sich Jungs Widerspruch und Ungehorsam erlauben. Einerseits werden traditionelle Werte und Normen von der Familie, bzw. dem Verwandten- und Bekanntenkreis vermittelt, andererseits wirkt zunehmend die westliche Kultur auf außerfamiliäre Sozialisationsfelder, wie Schule und Freizeit auf die Mädchen und jungen Frauen ein. Wenn es also darum geht in den späten Nachtstunden aus der Haustüre zu treten, kämpfe ich mit zwei Fragen in meinem Kopf. „Was werden meine Eltern sagen?“ und „Was sagen meine Freunde?“. Ständig muss ich mich für eine Seite entscheiden und eine wird immer unglücklich sein. Besonders für aus Osteuropa stammende Eltern ist es selbstverständlich, dass ein Mädchen abends zuhause bei der Familie bleibt. Denn wehe das ist nicht so – Schande über diese Familie!!! Wie können es aber die Eltern verstehen, wenn sie es selber in ihrer Jugend nicht anders gelernt haben? Schlussendlich leben sie mit unbekannten Werten und werden mit Verhaltensweisen konfrontiert, mit denen schwer zurecht zu kommen ist.

Obwohl ich das Glück habe, progressive Einstellungen im Freundeskreis zu finden und dementsprechend auch offen gegenüber Sexualität bin, werde ich trotzdem tagtäglich an die traditionellen Moralvorstellungen meiner relativ konservativen Familie erinnert. Das Problem hier fängt bereits im jungen Alter an und durch das Erwachsen werden, wird der Unterschied zwischen den beiden Welten immer größer. Durch die tief verankerten Moralvorstellungen der Familie und dem Wunsch nach mehr Freiheit entsteht logischerweise ein Konflikt in mir. Schlussendlich bin ich gezwungen ein Doppelleben zu führen. Für die Familie spielt man eine Version vor, die das absolute Ideal der Unberührtheit garantiert, aber insgeheim lebt man sein eigenes selbstbestimmtes Leben.

Ich lebe in zwei Welten, denn auch ich habe noch mit dem Gefühl von Identitätsverlust, dem Gefühl von Heimatlosigkeit und nach wie vor mit Anpassungsschwierigkeiten, wie viele andere aus der zweiten und dritten Generation zu kämpfen. Zum einen versuchen wir ein Gleichgewicht zwischen Anforderungen herzustellen. Zum anderen wird verhindert, Wünsche und Träume zu realisieren.

Ich lebe in zwei Welten. Muss ich mich aber für eine entscheiden?

 

 

 

 

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