Eine neue Geschichte von Afrika

25. Januar 2021

hawa_kebe.jpg

 ©Hawa Kebe
©Hawa Kebe

Die Bloggerin Hawa Kebe über afrikanisches Essen in Wien, geizige Willkommenskultur, ihren Empowerment-Blog „SETI“ und warum sie manchmal denkt, sie sollte weniger freundlich zu ihren Mitmenschen sein.

biber: Stell dich bitte unseren LeserInnen vor.

Hawa Kebe:  Ich komme ursprünglich aus Senegal. Ich bin in Dakar geboren und in der Elfenbeinküste aufgewachsen. Meine Mutter kommt teilweise aus Niger, ist Angehörige des Tuareg-Volks und in Burkina Faso aufgewachsen. Aufgrund dieser Vielfalt bin ich eine offene Person und versuche immer friedlich mit Menschen umzugehen.

Welche Bedeutung hat der Name deines Empowerment-Blogs „SETI“?

SETI bedeutet „Frauen“ auf Amharisch. Das ist eine Sprache aus Äthiopien. Ein Land, das nie kolonialisiert war, eine sehr reiche und lange Geschichte hat und sehr inspirierend ist. 

 © Jürgen T. Sturany
© Jürgen T. Sturany

Welche Geschichten sind dir noch in Erinnerung?

Ich habe so tolle Geschichten gehört, wenn ich die richtige Frage gestellt habe. Ich denke zum Beispiel an eine Frau aus Nigeria, Joana Adesuwa. Sie hat Joadre, ein Unternehmen im Modebereich, gegründet und hilft auch Frauen, die vom Menschenhandel betroffen sind. Sie gibt den jungen Frauen einen Job und schult sie ein, damit sie später selbstständig sein können. Auch Frauen mit ihren eigenen Plattformen, Hottensiah Muchai zum Beispiel, vom Medienbereich mit ihrem Multimediaprogramm „Diaspora Colors“. Oder Irène Hochauer-Kpoda, die die Obfrau vom Verein Barka Barka und zuständig für Eventmanagement am VIDC ist. Ich kann auch eine sehr gute Freundin von mir erwähnen, Otalia Sacko. Sie fördert Frauen durch ihre selbstgegründete Marke Sawashea für ein Naturprodukt namens "Shea Butter", das sehr gewöhnlich in Westafrika ist. Hier kennen viele seine Vorteile für die Gesundheit und das Wohlbefinden nicht. Im Technologiebereich denke ich an Cyndi Moyo, eine Ingenieurin mit Begeisterung für künstliche Intelligenz. Sie hat viele Firmen und ist voll mit Ideen. Es gibt viel Potenzial in Wien. Ich möchte dieses Gesicht der Diaspora zeigen.

Mit welchen Vorurteilen hast du zu kämpfen?

Ich sehe mich nicht als Opfer, weil ich sehr viel Glück hatte. Es gibt aber überall auch mal dumme Leute. Wenn die Menschen eine schwarze Frau sehen, haben sie vielleicht Angst. Vielleicht denken sie, sie wird ihnen etwas klauen. Als ich mal in einem Laden war, war dort ein kleines Mädchen und sie hat mich gesehen und sich erschrocken. Vielleicht als Reaktion darauf, dass ich schwarz bin. Aber meinem Verstand halber denke ich nicht oft darüber nach, was die anderen denken. Es gibt Menschen, die wirklich schlechte Erfahrungen gemacht haben. Aus Frankreich kenne ich solche Geschichten, auch hier in Wien gibt es Menschen, die Polizeigewalt erlebt haben oder sogar ums Leben gekommen sind. Aber meine Geschichte ist auch anders. Ich bin in Afrika aufgewachsen und später nach Wien gekommen. Aber ich sehe auch viele Menschen mit afrikanischer Herkunft, die hier geboren und Österreicher sind. Manche sagen ihnen, dass sie keine Österreicher sind und fragen woher sie kommen. Ich habe aber eine Geschichte hinter mir, ich habe meine Wurzeln und einen Hintergrund, der mir meine Stärke gibt. Es gibt Leute, die diese Möglichkeit nicht haben. Sie sind weniger gut gerüstet, um mit der Unwissenheit und Bosheit mancher Menschen umzugehen.  

Was kannst du da mit deinem Blog bewirken?

Ich kann Menschen dazu inspirieren, ihr Potenzial auszuschöpfen. Es gibt Leute, die immer neugierig sind, die immer ein Interesse an anderen Kulturen haben. Es gibt aber andere, die Angst bekommen wenn sie Menschen sehen, die nicht wie sie ausschauen. Man hat Angst vor den Dingen, die man nicht kennt. Aber wenn sie sehen, dass es eine menschliche Seite, eine persönliche Geschichte gibt, können sie sich verbinden. Es fehlt also einen Raum, wo die afrikanischen Frauen ihre Geschichte und Erfahrungen mitteilen können. Bei SETI geht es um die Frauen aus der afrikanischen Diaspora in Wien und auch aus Afrika, weil ich eine neue Geschichte des Kontinents erzählen wollte. Man kann die Leute einfach intimidieren, ihnen böse Dinge sagen und streng sein. Aber das ist nicht die beste Wahl. Inspiration hat die Macht, das zu machen. Und die will ich verwenden.

Was macht eine starke Frau aus?

Frauen sind sehr resilient. Einen Schritt zurückzugehen bedeutet nicht, dass du schwach bist. Es geht nur darum, zurück zu kommen. Die Frauenförderung ist sehr neu für die weltliche Kultur. Vor Kurzem konnten viele Frauen nicht mal studieren, den Beruf ihrer Wahl ausüben und überhaupt für ihr eigenes Leben verantwortlich sein. Sie wurden nicht ernst genommen - aber waren resilient. Es gibt eine Stärke in dieser Anpassungsfähigkeit. Aber auch in der Fähigkeit, sich unter allen Umständen neu zu erfinden. Denkt nicht, dass ich Männer hasse. Nein, überhaupt nicht. Ich mag diese Komplementarität, die wir haben. Alle von uns haben diese „weibliche“, menschliche Seite. 

Was inspiriert dich denn am meisten?

Personen, die sich trauen, ihre Träume zu leben. Alle von uns haben Angst. Aber es gibt Personen, die ihren Ängsten nicht zulassen, das Beste von ihnen wegzunehmen. Bei SETI geht es auch um Talente, unsere Stimme kann den anderen helfen.

Dienst du auch als Vorbild für junge Afrikanerinnen in Wien?

Ich denke schon. Aber das meine ich mit viel Bescheidenheit, weil alle von uns inspirierend sind. Als ich in der Schule war, hat mir eine sehr gute Schülerin gesagt, dass ich eine schöne Handschrift habe und dass sie wie ich schreiben wollte. Meine Schrift hatte keinen Wert für mich, aber sie hat sie gesehen und das hat sie inspiriert. So leicht kann man andere inspirieren.

Ho&Co Design © SaWaShea
Ho&Co Design © SaWaShea

Was ist afrikanisch in Wien?

Es gibt viele Geschäfte und Marken wie Handmadestory im vierten Bezirk, Friseuren wie Afrohaar im Dritten, die afrikanischen Haarstile machen, auch eine Buchhandlung, den Afri-Eurotext im Zweiten, wo man eine sehr vielfältige Literatur aus Afrika finden kann. Viele Vereine gibt es auch. Wie Barka Barka von Irène Hochauer-Kpoda. Mein Lieblingsrestaurant ist Lalibela im 18, ein äthiopisches Restaurant. Ich möchte aber gerne mehr afrikanische Restaurants und Imbisswagen sehen. Es ist aber auch unsere Aufgabe, das zu machen. Ich bin sehr optimistisch. Viele sagen, dass Österreich im Vergleich zu den vergangenen 20 Jahren viel offener ist. Rom wurde auch nicht in einem Tag gebaut (lacht).

Was fehlt dir in Wien, außer die afrikanischen Restaurants?

Es gibt Vielfalt in Afrika. Ich sehe meine „Afrikanität“ in ein paar Dingen. Wir haben ein Gemeinschaftsgefühl, das es in den westlichen Kulturen nicht in derselben Form gibt. In Senegal zum Beispiel bin ich eine eigenständige Person, aber gleichzeitig gehöre ich zu einer Community. Ich bin Hawa, aber auch Hawa in meiner Community. Hier gilt aber „Ich bin ich. Du bist du.“. Das ist auch eine Perspektive.

Auch die Großzügigkeit und die Gastfreundlichkeit unterscheidet sich. Vor allem in Senegal, wenn wir zum Beispiel Gäste zum Essen einladen oder etwas feiern. Hier aber kocht man einfach die „richtige“ Portion, aber wenn man bei uns so knapp kocht, wird man geizig genannt (lacht). Menschen sind also nicht so individualistisch hier. Ich kann den Menschen einfach „Hallo“ auf der Bushaltestelle sagen. Aber wenn ich das hier mache, frieren die Menschen ein und denken sich wahrscheinlich: „Was will sie von mir?“. Ich denke mir dann: „Mann, chill! Wir sind Menschen. Wir sind soziale Tiere!“. Hier interagiert man nur mit den Menschen, die man kennt.

Wie schaut dann dein ideales Wien aus?

Ehrlich gesagt, als ich zum ersten Mal nach Wien gekommen war, war ich mir nicht sicher ob Wien die richtige Stadt für mich war. Aber sie hat einen gewissen Charme. Mein ideales Wien ist eine Stadt, wo die WienerInnen weniger schimpfen. Just chill. People can talk to you. It’s okay (lacht)! Manchmal muss ich mich daran erinnern, weniger freundlich zu sein…

Hawa Kebe (35) ist Beraterin im Bereich Entwicklung und Projektmanagement in einer internationalen Organisation. Nach ihrer Kindheit in Abidjan landete sie unerwartet in Wien an der Diplomatischen Akademie. Seit sieben Jahren lebt die halb Ivorerin, halb Senegalesin in der Bundeshauptstadt. Vor zwei Jahren gründete sie den Blog „SETI“, der weibliche Persönlichkeiten mit afrikanischen Wurzeln vor den Vorhang holt.
Link zu ihrem Blog: http://www.seti-women.com/ 

Blogkategorie: 

Das könnte dich auch interessieren

© Eugénie Sophie
Sahra Omar Osman will Menschen helfen....
© Riahicivoryrosephotography
In Arman T. Riahis Film „Fuchs im Bau“...
Foto: Lisa Leutner
Zwei Schwestern geben Wien-Favoriten...

Anmelden & Mitreden

1 + 0 =
Bitte löse die Rechnung