Eine ungewöhnliche Brieffreundschaft

07. September 2020

Ja, es gibt Leute, die möchten eine Brieffreundschaft ins Gefängnis führen. Sei es aus Langeweile, Sensationsgeilheit oder aus ehrlichem Interesse an der Geschichte des Insassen.
Dafür wurde Jailmail konzipiert. Die Gefangenen schreiben an die Betreiberin der Homepage Kontaktanzeigen, die dann auf der Website veröffentlicht werden. Aus diesen Anzeigen können sich dann Interessent*innen einen potentiellen Brieffreund aussuchen.

Ich habe mit Erna Höhenberger gesprochen, der Betreiberin von Jailmail (http://www.jailmail.homepage.t-online.de/44.html) und sie nach ihren Beweggründen und Erfahrungen gefragt.

 

Biber: Wie bist du auf die Idee gekommen Jailmail zu gründen?
Erna Höhenberger: Ich hatte einst selbst Briefkontakte, die ich über eine ähnliche Seite fand. Die Administratorin betrieb die Seite leider nur halbherzig. Sie fragte nach Hilfe, die ich ihr anbot und sie auch annahm. Leider war meine Arbeit damit vergebens, weil sie weiter in Lethargie schwelgte. Allerdings erkannte ich den Bedarf und so gründete ich selbst eine Briefkontaktvermittlung. Jailmail war damit geboren.

 

Warum läuft der Erstkontakt immer über dich?
Damit will ich verhindern, dass nicht unbedingt vorab bezüglich der Straftaten gegoogelt werden kann. Der Gefangene soll die Chance haben sich selbst zu erklären. Das ist nicht zu 100% sicher, aber dennoch weitgehend.

 

Warum wollen Außenstehende eine Brieffreundschaft zu einem Häftling?
Außer dem Interesse am Strafvollzug ist es bei manchen Damen auch durchaus die Suche nach einer Partnerschaft (was ich nicht fördere aber auch nicht verhindern kann und will, nicht verstehen muss aber toleriere), Langeweile (diese Briefkontakte halten oft nicht lange) oder auch die Sensationsgier. Auch war schon mal ein Grund, gezielt einen Bankräuber zu suchen mit dem Hintergedanken, dass evtl. irgendwo noch die Beute ist. Klingt komisch - aber nichts ist unmöglich. Was es allerdings zeigt ist, das Böse ist nicht alleine in den Haftanstalten, sondern vor allem DRAUSSEN!

Oft erfahre ich, dass Briefkontakte toll und harmonisch verlaufen, sich richtige Freundschaften bilden oder sogar mehr bis hin zur Hochzeit und Familiengründung. Ob gerade letztere dann auch Bestand haben erfahre ich in den wenigsten Fällen...

 

Wie sieht der*die typische Schreiber*in aus?
Die Damen sind bei den Kontaktsuchenden außerhalb der Haftanstalten eindeutig in der Mehrzahl. Bei den Inserenten sind es, aufgrund der geringeren Zahl weiblicher inhaftierter Menschen, demnach die Männer. Was mich allerdings immer wieder verblüfft ist, dass die Kontaktsuchenden eher die jüngere Generation ist, die mit Internet, Smartphone und Whatsapp quasi aufgewachsen sind.

 

Wie finden die Gefangenen Jailmail? Woher wissen Sie von der Homepage?
Anfangs schrieb ich Gefangenenzeitungen an, um mich und mein Jailmail vorzustellen. Heute reicht  der "Flurfunk" in den Haftanstalten völlig aus.

 

Auch ich werde mich auf unbekanntes Terrain wagen und einigen Insassen Briefe schreiben. Was diese zu sagen hatten oder ob sie mir überhaupt geantwortet haben, könnt ihr dann in Kürze an dieser Stelle lesen!

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