Hassan arbeitet für drei Euro in der Stunde

07. Februar 2022

img_8496.jpg

Zwei weiße Hände auf schwarzem Hintergrund
Amina Minou Jelassia Reifenauer - Ben Hassen

Hassan hält sich mit ausbeuterischen Jobs über Wasser und könnte jeden Tag abgeschoben werden. Warum die Rückkehr in seine Heimat Ägypten keine Option für ihn ist und er jedes Mal zusammenzuckt, wenn er eine uniformierte Person sieht.  

 


 

Ein Markt irgendwo in Wien. Der Arbeitstag beginnt hier vor Sonnenaufgang. Hassan und seine KollegInnen sind schon dabei, die schweren Obst- und Gemüsekisten vom Lastwagen auszuladen. Es ist Januar, es weht ein eisiger Wind. Ich ziehe meinen Mantel enger und greife nach meinen Handschuhen. Oft stehen Hassan und seine KollegInnen zwölf Stunden lang in der Kälte und verkaufen Obst und Gemüse. Bei Minusgraden. Ihr Lohn fällt mager aus, mit mehr als vier Euro pro Stunde können die vorwiegend jungen Männer nicht rechnen. Einmal am Tag dürfen sie etwas essen. Im Stehen zwischen den Obstkisten schnell einen Dürüm verdrücken und schon geht’s weiter. Pausen gibt es keine.  

 

Vor dem Gespräch machen wir uns aus, welche Sachen ich nicht schreiben darf. ,,Ich muss wirklich aufpassen, falls die Polizei das liest.”, erinnert mich Hassan, ,,Ich will nicht, dass mir oder einem meiner KollegInnen etwas passiert.” Er darf auf keinen Fall Aufenthaltsorte abgelehnter AsylwerberInnen verraten, denn das könnte ihre Abschiebung nach sich ziehen. Also gut, Namen ändern, genaue Angaben vermeiden.  

 

Von Kairo nach Wien 

 

Der seit sieben Jahren in Österreich lebende Ägypter hat bereits zwei Anträge auf Asyl gestellt. Beide wurden abgelehnt. Bei einem negativen Asylbescheid, muss der Betroffene umgehend das Land verlassen. Wird man erwischt, kommt man umgehend in Schubhaft. Trotz all dieser Umstände, kann er sich die Rückkehr in seine Heimat nicht vorstellen: “Was gibt es dort schon?”, fragt er mich mit ratlosem Blick.  

In Ägypten gibt es derzeit keinen Krieg. Die Militärdiktatur von Präsident Al-Sisi und die derzeitige Arbeitslosigkeit, Hunger und Wirtschaftsmisere treiben die Menschen in die Flucht. Deshalb legen viele Familien, so auch Hassans, ihr gesamtes Erspartes zusammen. Vom Onkel zur Oma bis zur Großtante steuern alle bei, was sie haben. Hassans Schwester verkaufte damals ihren Hochzeitsschmuck, um ihm die Reise nach Europa zu ermöglichen. Bevor Hassan nach Österreich kam, arbeitete er drei Jahre lang als Kellner in Jordanien. Erst dann hatte er genug Geld, um sich die Route über die Türkei zu finanzieren, die ihn schließlich nach Wien führte.  

 

Warten auf die Freiheit 

 

Alle paar Monate kommt die Polizei auf den Markt und macht Ausweiskontrollen. Wer nicht österreichisch aussieht und keine gültigen Papiere hat, wird ohne ein weiteres Wort in Handschellen gelegt und weggebracht. Hassan räumt eine Kiste Orangen aus. Als ich ihn frage, wie viele Freunde schon von der Polizei erwischt wurden, sieht er mich nur traurig an. 

Hassan deutet auf sein Herz, ”Hier drinnen, die Angst, das ist das Schlimmste, ständig auf der Hut sein, aufpassen, dass man nicht erwischt wird. Das ist kein Leben.” Er erzählt weiter: “Ein Mann kam abends auf mich zu. Er hat zuerst alle anderen nach dem Preis der Kartoffeln gefragt und kam zu mir. Ich hatte solche Angst, ich bin einfach weggelaufen.” Hassan lebt in ständiger Angst, erwischt zu werden. Vor allem in den Abendstunden ist Vorsicht geboten. Die Fremdenpolizei kommt in Zivilkleidung, damit die hart schuftenden Männer keinen Verdacht schöpfen. Ein Leben in ständiger Angst vor dem nächsten Tag. Die Last, das Schicksal einer gesamten Familie und die Investition mehrerer Jahre auf den Schultern zu tragen, lässt es für Hassan undenkbar erscheinen, zurück nach Ägypten zu gehen. Er will hierbleiben und ausharren. Um jeden Preis.   

Blogkategorie: 

Das könnte dich auch interessieren

.
  Mit mehreren Kulturen aufwachsen,...
.
Wusstet ihr, dass der MFG-Kandidat sein...

Anmelden & Mitreden

5 + 10 =
Bitte löse die Rechnung