Herr Seselj und seine zwei Lebermetastasen

15. Dezember 2014

Das UNO-Tribunal für Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien (ICTY) hat den mutmaßlichen serbischen Kriegsverbrecher Vojislav Seselj Anfang November vorläufig freigelassen. Grund dafür ist sein voranschreitender Leberkrebs.



Krank und schwach wirkt der Nationalist bei seinen Reden, die er kurz nach seiner Entlassung in Belgrad hält, aber nicht. Reuelos und selbstgefällig spricht er über das Wiedererwachen Großserbiens – ist er doch bekannt für seine Kriegshetze. Mit seiner unveränderten Einstellung gefährdet der Chauvinist die Beziehung zu Kroatien und auch die EU-Beitrittsverhandlungen Serbiens. Auch seine Idee eines Bündnisses zu Russland rüttelt an der ohnehin wackeligen Beziehung zum Westen.

Auf die provokanten Auftritte Seseljs reagierte sowohl das kroatische als auch das Europaparlament mit einer Resolution. Serbien wurde ermahnt die Hassreden des Kriegsrhetorikers zu unterbinden. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie viel Schuld man Serbien geben kann. Immerhin wurde es bei der Entscheidung der Freilassung nicht mit einbezogen, das betont der serbische Ministerpräsident Aleksandar Vucic. Tatsächlich liegt es eher nahe, dass Seselj sowohl Vucic als auch dem Staatspräsidenten Tomislav Nikolic ein Dorn im Auge ist. Die beiden waren bis vor sieben Jahren noch große Anhänger Seseljs. Bis sie sich entschlossen, eine proeuropäische Partei zu gründen. Jede Erinnerung an ihre nationalistische Vergangenheit scheint ihnen peinlich zu sein. Sie arbeiten an ihrer proeuropäischen Haltung, da passt ihnen Seselj, der sie als Verräter des serbischen Volks bezeichnet und seine zwei Lebermetastasen nach ihnen benannt hat, gar nicht ins Konzept.

Man kann zwar behaupten, dass seine Freilassung human war, aber strategisch gesehen war sie ein weitreichender Fehler. Seselj ist nicht nur ein Risiko für die politische Situation Serbiens – mit seinem offenen Nationalismus reißt er alte Wunden auf, die nur schwer abgeheilt sind.

 

 

Update:

Das UNO-Tribunal für Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien (ICTY) hat entschieden, dass der im November vorläufig freigelassene Seselj in die Haft zurückkehren soll. Er hingegen wiederholt immer wieder, er würde keinesfalls freiwillig zurückkehren. Außerdem schließt er aus, dem Tribunal Informationen über seinen Gesundheitszustand zu geben. Heute hat er zudem medienwirksam eine kroatische Flagge vor einem Belgrader Gericht verbrannt.

 

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