Hört auf, mich zu fragen, wieso ich keinen Freund habe.

27. April 2017

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Die Autorin, ganz allein
Die Autorin, ganz allein

Ich werde nächste Woche 25 und hatte noch nie eine richtige Beziehung. Bam, oder? Woran das liegt? Teils daran, dass mich bis jetzt kein Typ genug interessiert hat, um ernsthaft darüber nachzudenken. Teils daran, dass sich die Typen auch nicht genug für mich interessiert haben, um ernsthaft darüber nachzudenken. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich schon Schweißperlen auf der Stirn bekomme, wenn man mich bittet,  einen Handyvertrag für zwei Jahre abzuschließen. Wie soll das dann mit einem echten Menschen, der nicht Siri heißt, gehen? Vielleicht liegt es auch daran, dass ich für meine noch in den Startlöchern stehende Karriere als toughes Aggro-Berlin-Mitglied (sie werden ein Comeback haben, OKAY?) credible bleiben muss – und wie Bushido schon sagte „Ich bin ein G – und ein G war noch nie verliebt.“ Oder so.

„Als ICH Single war, war ich so wild“

Nein, ganz im Ernst: Vielleicht liegt die „Schuld“ aber auch darin, dass ich eine Beziehung bisher nicht wirklich als ein erstrebenswertes Ziel für mich sah. Aber es sollte doch eben kein „Ziel“ sein, oder? Ich habe das lange nicht so gesehen, und ich fand es auch nie eigenartig oder habe auch nicht wirklich viel darüber nachgedacht. Aber so wie das nun mal ist, kommen mit dem Alter neue Herausforderungen und Erwartungen meiner Umgebung. So wurde ich in letzter Zeit für meinen Geschmack einmal zu viel auf meinen Beziehungsstatus angesprochen. Nehmen wir mal das Paradebeispiel: Die Geburtstagsfeier einer engen Vertrauten. Sie und ich sind sehr gut miteinander, haben aber unterschiedliche Freundeskreise. Während es bei meinen gewohnten Homies normalerweise, oder mittlerweile, nicht so ein Thema mehr ist, ist es in neuen Umgebungen zunehmend schwieriger: Ich finde mich nun auf dieser Feier wieder und muss irgendwann feststellen: Ich bin die einzige, die hier Single ist. Nicht deshalb, weil ich sonst darüber nachdenken würde oder weil mir das Sorge bereitet, nein. Ich werde innerhalb einer Stunde von sage und schreibe vier verschiedenen Menschen darauf angesprochen, ob ich denn „auch einen Schatz“ habe. Als ich verneine, ernte ich mitleidige Blicke und darf mir weiterhin Pläne über bevorstehende Pärchen-Brunches und „wir können nicht so lange bleiben, weil morgen Mittagessen bei den Eltern von A.“ anhören. Normalerweise wäre mir so etwas nicht wirklich aufgefallen, das ist ja vollkommen okay, aber ich fühle mich zunehmend unwohl. Der Grund? Als die Gespräche unter Freundinnen dann Richtung „X, weißt du noch, als WIR Single waren? Da waren wir so wild!“ rennen, fangen alle meine Alarmglocken an zu läuten, und würde gerne irgendwas in Richtung „Ja, ich habe einen Schatz, und zwar alle zwei Wochen einen neuen“ entgegnen.

Seit wann sind Singles und Pärchen zwei unterschiedliche Spezies?

Erstens wäre das aber nicht mit der Wahrheit konform, zweitens würde man das merken und ich dann wahrscheinlich für verbittert gehalten werden, was mir eigentlich eh egal wäre, wenn ich jetzt so darüber nachdenke. So mache ich, Single und wild, mich als Erste auf den Heimweg und fange an zu grübeln: Seit wann sind „Singles“ und „Pärchen“ eigentlich zu zwei unterschiedlichen Spezies mutiert? Seit wann hat das so eine große Bedeutung und so einen hohen Stellenwert? Ich mochte diese Unterscheidung noch nie. Dabei muss ich immer an die Mädchen denken, die mit 16 herumgeheult haben, weil sie „noch“ keinen Freund hatten. Obwohl es niemand ausgesprochen hat, war die Devise hier: IRGENDeinen Freund. Nicht einen Menschen, den sie gernhatten und mit dem sich mit der Zeit etwas entwickelt hat. Hauptsache nur nicht Single sein. Traurigerweise erscheint es mir zehn Jahre später bei manchen nicht viel anders. Nur, dass jetzt die Erwartungen stetig steigen. Letztens stehe ich auf einer Party mit einem meiner besten Freunde herum und wir werden gefragt, wie lange wir schon zusammen sind. Wir fangen an zu lachen und klären die Unwissende auf. „Ach. Ihr wärt aber ein süßes Paar. Und, habt ihr  zwei also Beziehungen?“ Als wir beide verneinen, sehe ich schon zwei Tinder-Feuer-Emojis in ihren Augen erflammen. Bevor ich inzestuös zwangsverheiratet werde, wechsle ich lieber das Thema. Unser Gegenüber ist übrigens glücklich vergeben, wie sie nicht scheut mitzuteilen. So etwas passiert übrigens oft. Ich könnte langsam herumerzählen, dass ich jeden meiner männlichen Freunde abwechselnd date – vielleicht wäre das für manche weniger seltsam, als Single zu sein.

 Was will uns die verbitterte Olle über die Liebe erzählen?

„Ja gut und was will die ewig-alleine Olle uns jetzt über Beziehungen erklären?“, denkt ihr euch jetzt. Versteht mich bitte nicht falsch. Das soll hier jetzt keine: „Single-Sein ist so toll, ich kann mich so gut selbst verwirklichen und ihr nicht“- Message werden. Das kann man sowohl in einer Beziehung als auch als Single genau so gut und genau gar nicht. Das erlaube ich mir mal zu sagen. Weil „Single sein“ und „in einer Beziehung sein“ einfach nicht zwei unterschiedliche Planeten sind. Oder es meiner Meinung nach nicht sein sollten. Ich kenne genug Menschen, die seit Jahren liiert sind, glücklich, und zwar nicht, weil sie nicht Single sein wollen - sondern weil sie sich einfach gefunden haben. Und das finde ich schön und wundervoll und das sollte eh allen klar sein. Aber ich für meinen Part war einfach noch nie so richtig auf der Suche – Frage an vergebene Leute: Muss man eigentlich suchen? Ich mag nicht suchen. Klar, es gab ein paar Typen, mit denen ich so halbwegs etwas wie eine Art Mini-Beziehung hatte. Mehrere sogar. Ich glaube, heutzutage nennt die moderne Jugend das „Mingle-Sein.“

„Jesus und Maria, vielleicht ist sie ja lesbisch“

Sicher ist es cool, wen zu haben, der dir nette Sachen schreibt, mit dir kuschelt und sich deine uninteressanten Ausschweifungen über das Aussterben der Dinosaurier anhört. Aber jedes Mal, wenn so ein „Mingle“-Ding vorbei war, bin ich zu ein und demselben Schluss gekommen: Jeder dieser „Auserwählten“ war irgendwie ersetzbar. Und mit so jemandem brauche ich keine Beziehung. Das würde ich bei einer Freundschaft ja auch nicht wollen. Stichwort Freundschaften: Mir ist schon klar, dass eine Freundschaft keine Beziehung ist, aber ich denke, Freundschaften sind bei mir ein großer Grund, wieso ich nie krampfhaft nach einem festen Freund gesucht habe. Ich fühle mich eigentlich nie alleine, ich habe immer jemanden, den ich anrufen kann, der sich eben meine uninteressanten Ausschweifungen über das Aussterben der Dinosaurier anhört oder mit mir etwas unternimmt. Außerdem bin ich eigentlich gerne alleine. Mein heimlicher, düsterer Traum ist es, alleine auf einem Hügel mitten im Wald in einer Hütte zu wohnen (vorausgesetzt es gibt dort W-Lan). Den Gedanken hatte ich letztens wieder, als ich bei meinen Verwandten in Polen am Land zu Besuch war und den „Jesus und Maria, vielleicht ist sie ja lesbisch“- „geflüsterten“ Rufen auf einen Berg geflüchtet bin.

Ich werde mich wieder für jemanden interessieren und jemand für mich. Oder vielleicht halt auch nicht.

Den Hund an der Leine, mit den Gedanken an meine Zukunft als Wilderer und innerlich die Hirschgeweihe meiner Inneneinrichtung der Hütte planend, wurde ich zurück im Dorf auf den Boden der Tatsachen geholt: Meine Cousine heiratet im Sommer, und auf meiner Einladung steht Plus Eins. Als ich ihr verkünde, dass ich gerne komme, aber eben ohne Begleitung,  sieht sie mich entgeistert an und flüstert, diesmal wirklich leise: „Aber, willst du denn nicht einfach einen männlichen Freund aus Wien mitbringen? Sonst werden die Leute alle fragen...“ Ich sehe sie verdutzt an, schüttle den Kopf und denke mir, dass ich diesen Zirkus sowieso niemandem von meinen Freunden antun würde. Rein aus Provokation habe ich den kurzen Einfall, meine Mitbewohnerin zu bestechen, dass sie sich die Haare kurz schneidet und in einem weißen Anzug als meine Begleitung kommt, damit „die Leute fragen.“ Wir wohnen ja auch zusammen, also wäre es sogar glaubhaft, dass sie meine Lebenspartnerin ist. Die Blicke hätte ich nur zu gerne gesehen. Dann überkommt mich aber die Realisation, wie dumm das doch alles ist. Seit wann ist das so ein riesiges Thema geworden? Schon klar, ich komme langsam in das Alter, in dem die meisten längerfristige Beziehungen führen, zusammenziehen oder vielleicht schon ans Heiraten denken. Und ich freue mich auch für diejenigen. Aber ich freue mich auch für mich, weil ich mein Leben derzeit genau so habe, wie ich es haben will. Ich werde mich wieder für jemanden interessieren und jemand für mich. Vielleicht dauert es ganze zehn Stunden an, vielleicht zwei Monate – vielleicht ein Leben lang. Oder vielleicht halt auch nicht. Und alles davon ist voll in Ordnung.

Single und wild in der Wildnis.

Die Fortsetzung dieses Blogs folgt übrigens nach besagter Hochzeit im Sommer, wenn ich mich nicht mehr melde, heißt es, ich bin mit irgendeinem „Schatz“ zwangsverheiratet worden, brenne mit meiner erfundenen lesbischen Freundin durch und ziehe in Wirklichkeit  in meine Hütte im Wald. Single&Wild indeed.  

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