„I KNOW I CANT BE FREE“

03. September 2021

 

Seit einigen Tagen haben die Taliban den Flughafen in Kabul von den US-Truppen übernommen.

Feuerwerke und Tänze sind auf Videos zu sehen. Musik und Gelächter sind zu hören. Aber da war doch etwas? Ich erinnere mich, dass die Taliban vor ihrer Machtübernahme die EinwohnerInnen mit Flyern vorgewarnt und in Moscheen dazu aufgefordert hatten, keine Musik zu spielen.

Hochzeiten sollen stumm gefeiert werden und Musiksender werden zensiert. Junge Menschen, die mit Kopfhörern unterwegs sind, werden von den Islamisten aufgehalten und kontrolliert.

Sollte jemand beim Musik hören erwischt werden, drohen hohe Strafen.

Diese Doppelmoral ist für mich unverständlich. "CHIZI RA KA BA KHOD NAMIPASNDI BA DEGRAN HAM NAPASAND" - Das ist ein persisches Sprichwort. „Was du nicht willst, das man dir tut, das füge auch keinem Anderen zu“, wäre die passende Übersetzung dafür. Die Taliban feiern ihre Erfolge mit Liedern und Gesang, doch den EinwohnerInnen wird dieses Privileg genommen.

 

„Hips don’t lie“ von Shakira oder Songs von Jennifer Lopez spielte es oft auf PMC, einem persischen Musiksender. Das afghanische MTV könnte man meinen. In Österreich als Juror für DSDS bekannt, laufen in Afghanistan Dieter Bohlen und Thomas Anders als „Modern Talking“ in Dauerschleife, wie z.B. „Brother Louie“. leisevormirhinsummend 

Johnny Cash und Elvis Presley

Auch ich lauschte gerne westlicher Musik, als ich bis vor sieben Jahren noch in Afghanistan gelebt habe. „We Are The Champions“ von Queen war mein Lieblingslied. Ich frage mich, welche Lieder die Taliban am liebsten hören. Traditionelle Musik – Paschtu – wird bei ihren Siegestänzen abgespielt. Meinen Geschmack trifft das nicht. Urteilt selbst:

Ich sehe auf Videos, wie sich die Taliban Kämpfer tanzend durch die Straßen Afghanistans bewegen und das erinnert mich an die Zeit, in der ich pfeifend in Herat spazierte. Paschtu sang ich dabei nie. Afghanische Musik war schon damals nichts für mich.

Eine Vinyl Platte war das erste, das ich mir gekauft hatte, als ich aus dem Flüchtlingsheim kam. „Baby, What You Want Me To Do“ von Elvis Presley wollte ich mir anhören, einen Plattenspieler hatte ich aber nicht. Um die Platte zu hören, musste ich ein Elektrogeschäft besuchen. Baby, was sollte ich sonst tun?

Wenn „Rings of Fire“ eine neue Bedeutung bekommen

Letztes Jahr habe ich einen Plattenspieler von meiner Freundin geschenkt bekommen. Elvis Presley, Johnny Cash und Jerry Lee Lewis laufen nun bei mir. Manchmal überlege ich, wie es mir im heutigen Herat gehen würde. „Ring Of Fire“ wäre dann für mich nicht nur ein Musiktitel, sondern die bittere Realität.

„I Know I Can’t Be Free“, klagt Johnny Cash im „Folsom Prison Blues“.  Dieser Satz lässt mich nicht los. Denn jedes Mal, wenn ich in meinem Zimmer auf meiner Gitarre spielte, sechs Jahre auf Asyl wartete im Wissen, dass meine Familie in ihren eigenen vier Wänden in Gefangenschaft lebte und lebt, fühlte ich mich nicht frei.

Ich weiß, ich kann nicht frei sein, wenn mein Bruder in Herat von den Taliban aufgehalten wird und sein Handy durchstöbert wird. Ich fühle mich eingesperrt, wenn ich weiß, dass meine Mutter nicht mehr zu „We Are The Champions“ tanzen kann.  

 

 

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