Ich bin Jugo und kann kein Kolo

31. Januar 2017

„Du bist doch Pole, du musst was trinken“, sagen meine Freunde oft zu ihren polnischen Kollegen am Wochenende in einer Bar. „Du bist doch Italiener, du hast das Flirten im Blut“, hört mein Freund Francesco, bei dem partout keine Frau anbeißen will. Und ich? Ich muss Kolo tanzen.

Wir haben eine gewisse Erwartungshaltung bestimmten Menschen gegenüber. Unser Gehirn denkt in Schubladen und tut sich leichter, wenn es jemanden da hineinstopfen kann, denn in diesen Schubladen gibt es Erklärungen für alles. Nur was, wenn jemand plötzlich nicht mehr in diese Lade der Stereotypen passt? 


Menschen mit ausländischen Wurzeln sind bekanntermaßen keine Ausnahme. Auch wenn es nicht immer zutrifft, so fügen wir uns hin und wieder diesen Stereotypen. Philip (der Pole, dessen Name alles andere als typisch polnisch ist), trinkt eben einmal einen über den Durst, was bei ihm aber bedeutet, dass eigentlich nach einem Bier schon Schluss ist. Francesco, die womöglich schüchternste Person der Welt, springt wöchentlich mehrmals über seinen Schatten und versucht sich im Flirten, um seinen Freunden einen Gefallen zu tun, damit sie ihn doch noch irgendwie in die Stereotypen-Lade quetschen können. 

DIE GEHEIMEN INSELN 

Auch ich, als gebürtiger Kroate, werde nicht verschont und man versucht,mich irgendwo einzuordnen. Meistens erfülle ich diese exorbitanten Kriterien, um offiziell als stereotypischer Balkaner durchzugehen. Ich esse zum Beispiel gerne Fisch und Fleisch und bin zwei Monate vor und während einer EM oder WM komplett rot-weiß kariert gekleidet. Manchmal klappt das mit dem Stereotyp nicht so ganz, aber ich „schwindle" mich irgendwie durch. Es gibt nämlich ein klares Schema, wie ein Gespräch geführt wird, wenn mein Gegenüber erfährt, dass ich aus Kroatien komme. „Ah, interessant!“, wird sofort erstaunt gesagt. „Ich war mal auf der Insel XY auf Urlaub, kennst du die?“  

Früher, als naiver Junge, war ich ehrlich, gab zu, dass ich nie davon gehört habe und fragte nach, wo die Insel denn liegt. Großer Fehler. Ich als Kroate, muss doch jede Stadt, sogar jedes noch so unbekannte Dorf kennen. Aber aus Fehlern lernt man ja bekanntlich. Seitdem nicke ich freundlich auf die Frage und antworte mit, „Na klar kenne ich die. Wunderschöner Strand!“ Nicht, weil gerne lüge. Ich möchte meinem Gesprächspartner einfach ersparen, dass eine Welt in seinem Kopf zusammenbricht.

MUTTER, VERGIB’ MIR 

Manche Klischees kann ich aber unmöglich erfüllen. Dann lässt sich die Verwirrung einfach nicht vermeiden. Um das Chaos aber perfekt zu machen, enttäusche ich regelmäßig sogar meine eigenen Landsleute. 

Fortgehen in einer Balkan Disco ist so ein Szenario, aus dem ich unmöglich unbeschadet herauskomme. Wenn das Lied ertönt, bei dem die Massen plötzlich aufjubeln und jeder aus voller Kehle mitsingt (was so ziemlich bei jedem Song passiert), stehe ich freundlich lächelnd ein wenig im Abseits und schunkle halbherzig mit. An die Sticheleien von Freunden gewöhnt man sich nach einiger Zeit. Doch was, wenn man seine Mutter enttäuscht? Jede Mama ist stolz auf ihren Sohn. Meine ist es wahrscheinlich nur bedingt. Denn ich bin ein Sünder. Ich muss mich der wohl größten Straftat vom Balkan verantworten: Ich kann kein Kolo. Wenn auf einer „Jugohochzeit“ der typische Klang der Ziehharmonika und des polyphonklingenden Keyboards ertönt, Frauen ihren klassischen Schrei erklingen lassen und die Massen auf die Tanzfläche rennen, um „Kolo“ zu tanzen, dann bleibe ich beschämt auf meinem Platz sitzen und trinke unauffällig von meiner Cockta. Den restlichen Abend vermeide ich schamvoll den Blickkontakt mit meiner Mutter. Ich könnte ihr trauriges Gesicht voller Enttäuschung nicht ertragen. 

MANCHMAL STIMMT ES DOCH 

Die Schubladen in unserem Gehirn erleichtern uns das Leben, jedoch funktioniert diese Kategorisierung nicht immer. In jedem Land und in jeder Kultur gibt es Ausnahmen. Manchmal sind diese Ausnahmen womöglich auch die Mehrheit, nur das eingebrannte Bild von bestimmten Personengruppen in unseren Köpfen lässt sich nicht so einfach entfernen. 

Ohne Stereotypen geht es aber irgendwie auch nicht. Denn wenn Francesco seine Mutter stündlich anruft, um Mama zu erzählen, wie es ihm geht und Mama schon das Abendessen für ihren Sohn vorbereitet, dann kann das nur „Amore“ sein. 

Typisch Italiener.

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