Ich war mit einem russischen Ultra-Nationalisten zusammen

03. Mai 2022

Seit dem 24.02.22 schockieren Kriegsbilder aus der Ukraine die Welt. Jedoch ist die Propaganda-Maschinerie des Kreml schon seit Jahren im Gange. Damals, vor ungefähr fünf Jahren, wurde ich selbst in die alternative Realität eines radikalen Russen gezogen. Ich führte mit Dimitri* zunächst eine virtuelle Tandem-Bekanntschaft, bis ich dann einige Zeit mit ihm und seiner Familie verbrachte. Er lebte in der Ukraine, in Lviv, um genau zu sein. Er war aber immer beleidigt, wenn man ihn Ukrainer nannte.

.
Foto von der Autorin

„Diese Stiere, die am Maidan herumgehüpft sind, haben unser Land zerstört!“ Diesen Satz habe ich so oft von ihm gehört. Er bezeichnete Ukrainer als Stiere, und Ukrainerinnen als Kühe, weil er sie gar nicht als Menschen betrachtete. Nicht einmal sein (einziger) ukrainischer Freund war Dimitri ebenbürtig: er war auch einer von den Stieren. Der kräftig gebaute junge Mann konnte im Gegensatz zu Dimitri einen attraktiven Ferialjob in Polen ergattern. Außerdem hatte er in der Ukraine einen gut bezahlten Job als Pflasterer. „Der hat es besser als ich, Gott hat ihm einen kräftigen Körper geschenkt! Schau wie groß und breit er ist, ohne zu trainieren. Aber für was anderes sind die Stiere sowieso nicht zu gebrauchen, außer für physische Arbeit!“ Ich war entsetzt aber nahm es zunächst nicht ernst. Dimitri war arbeitslos: zwei Mal im Jahr fand damals in der Ukraine die Einberufung der Wehrpflichtigen zum Militär statt, und jedes Mal versteckte er sich in der eigenen Wohnung. Für zwei bis drei Monate harrte er dort aus, bis die Luft wieder rein war und er sicher gehen konnte, dass er nicht eingezogen wird. Er wollte unbedingt ins Ausland, um die Wehrpflicht zu umgehen. Er hat mir Geschichten erzählt, dass die ukrainischen Nazis ihn beim Militär aufgrund seiner Nationalität quälen würden. Ich war damals eine naive, junge Slawistik-Studentin, die um jeden Preis Russisch lernen wollte und litt unter meinem Helfersyndrom.

Sein Freund war von der Armee befreit, da er sich für 600 Dollar „freigekauft“ hatte. Aber Dimitri wollte das nicht: „600 Dollar werde ich den Stieren sicher nicht schenken, das ist viel Geld!“ Wie der Sohn war auch der Vater arbeitslos: „Mein Vater wird sicher nicht für lächerliches Geld für die Stiere arbeiten! Stell dir vor wie erniedrigend das ist: er war Berufssoldat in der Roten Armee, und jetzt soll er als Security oder auf der Baustelle arbeiten, um einem Stier ein Haus zu bauen?“ Die einzige Person, welche in der Familie einen fixen Job hatte, war Dimitris Mutter. Während sie im Büro saß, hatten Dimitri und sein Vater genug Zeit, um fernzuschauen. Immer gegen Mittag hörte ich die penetranten Stimmen von Olga Skabejewa und Jewgenij Popow, den Hosts der beliebtesten Polit-Talkshow in Russland „60 minut“. Ihre Mission: der Kampf gegen den angeblichen aufstrebenden Faschismus im verdorbenen Westen.  Als ein Separatistenführer der selbstproklamierten Volksrepublik Donezk getötet wurde, herrschte in der Familie Trauer. „Blöde Stiere! Der Kreml-Zwerg (Anmerkung: damit ist Putin gemeint) hätte schon längst Ordnung machen sollen. In zwei Tagen könnte man doch die gesamte Ukraine einnehmen! Auf was wartet er noch?“, sagte damals Dimitris Vater. „Der Kreml-Zwerg war sowieso nie für seine Leute da. Wir Russen mit ukrainischer Staatsbürgerschaft können nicht einfach so in Russland leben. Die Umsiedlung ist viel zu teuer, die russische Staatsbürgerschaft zu bekommen viel zu schwierig.“, hörte ich immer wieder. Deshalb entschied sich Dimitri eine Arbeit in Polen zu suchen. Jedoch wurde er bitter enttäuscht, da er in der Bewerbungsphase drei Absagen bekommen hatte. „Sicher, weil ich Russe bin. Die Polen sind doch alle russenfeindlich!“, war damals seine Reaktion. „Keiner wird den roten Teppich vor dir ausrollen, wenn du nicht die entsprechenden Skills hast.“ - das hätte ich ihm damals gerne gesagt. Bevor ich ihn endgültig überall blockierte, schrieb er mir noch: „Wenn du mich verlässt, gehe ich in den Donbass und erschieße die Stiere und dann mich selbst.“ Was denkt er wohl jetzt über den großflächigen Angriff auf die Ukraine, den er sich so sehr gewünscht hat? Die russischen Raketen fragen nicht nach der politischen Gesinnung.   

*der Name wurde von der Redaktion geändert 

Blogkategorie: 

Kommentare

 

Es ist doch immer wieder, interessant zu sehen, wie Rechtsextreme und Linksextreme bei vielen Themen dieselbe Meinung vertreten. Hier sichtbar beim Thema Waffenlieferungen an die Ukraine.

Das könnte dich auch interessieren

Anmelden & Mitreden

2 + 4 =
Bitte löse die Rechnung