„Junge Leute können aus den Filmen lernen, wie das Leben am Balkan vor 30, 40, oder 50 Jahren ausgesehen hat.“

18. Dezember 2020

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Zelimir Zilnik
Želimir Žilnik in der Ausstellung "Shadow Citizens" in der Kunsthalle Wien (C)esel/Lorenz Seidler

Die Ausstellung „Shadow Citizens” in der Kunsthalle Wien MuseumsQuartier ist ein Parcours quer durch das Filmschaffen des serbischen Filmemachers Želimir Žilnik. Im Zoom-Gespräch erzählt der 78-Jährige aus Novi Sad, ob eine Filmausstellung funktioniert und warum Flohmärkte seine liebsten Orte in Wien sind.

Interview: Nada El-Azar

BIBER: Nach fast 50 Jahren Filme machen – Was ist das für ein Gefühl in so einer großen Ausstellung sein eigenes Werk zu sehen?

Želimir Žilnik: Nach all diesen Retrospektiven und Programmen mit meinen Filmen, die ich auf der ganzen Welt gezeigt habe, war es trotzdem spannend zu erfahren, wie man denn genau eine klassische Ausstellung über mein Filmschaffen aufbereiten würde. Gerade erst letztes Jahr hatte ich einige Screenings im Filmmuseum Wien, danach kamen die Kuratorinnen der Kunsthalle Wien, WHW auf mich zu. Als ich den riesigen Ausstellungsraum der Kunsthalle im MuseumsQuartier sah fragte ich mich zunächst, wie man das wohl hinbekommen würde.

Ist das Ausstellungskonzept aus Ihrer Sicht aufgegangen?

Ich blieb nach der Ausstellungseröffnung noch eine Woche lang in Wien und fand das Endergebnis sogar besser als eine Retrospektive. Traditionelle Retrospektiven laufen nach einem Tagesprogramm ab und die Besucher verpassen schlicht und einfach Filme, zu denen sie keine Tickets bekommen. Nun ist es jetzt bei „Shadow Citizens“ so, dass mit dem einmaligen Kauf eines Ausstellungstickets die Besucher immer wieder in die Ausstellung zurückkommen können. Es wurden viele kleine Nischen geschaffen, in denen die Besucher auf 30 Bildschirmen Kurzfilme und Clips aus den Spielfilmen mit Kopfhörern sehen können. Ich erkannte viele Personen, die zum zweiten oder dritten Mal in die Ausstellung kamen, um weiterzuschauen. Abschließend kann ich nur sagen, dass diese Ausstellungsart der modernen Präsentation von Filmen im digitalen Raum sehr nahe kommt. Die Besucher haben die absolute Kontrolle über was und wie viel sie sich ansehen können.    

Shadow Citizens
Ausstellungsansicht: Shadow Citizens. Mit dem Eintrittsticket können Besucher*innen beliebig oft in die Ausstellung kommen und Filme und Kurzfilme ansehen. (C)esel

In Wien gibt es eine große Ex-YU-Community. Inwiefern ist die Ausstellung interessant für sie?

Ich habe nicht nur in meiner Heimat Serbien gefilmt, sondern war in Bosnien, Kroatien, Slowenien, Montenegro, Mazedonischen und vielen anderen ex-jugoslawischen Ländern. Einige meiner wichtigsten Filme handeln von Albanern, und auch Roma tauchen immer wieder auf. Ich denke, dass vor allem viele jungen Leute aus den Filmen lernen können, wie das Leben am Balkan vor 30, 40, oder 50 Jahren so ausgesehen hat. Und die Älteren werden sich ja gut an die gezeigten Umstände erinnern können.

Welche Beziehung haben Sie zu Wien?

Als ich als Gastarbeiter im Jahr 1973 nach Deutschland kam, passierte ich Wien auf dem Weg – ich hatte einige Künstlerfreunde, die in Wien lebten, wie etwa den Schriftsteller und Maler Branko Andrić. Viele Menschen aus Jugoslawien arbeiteten zu dieser Zeit in Wien, es gab entsprechend viele Cafés und Restaurants, wo wir unsere Sprache sprechen konnten. In Deutschland war allerdings der Markt für Filme und die Förderungsmöglichkeiten für Dokumentarfilme besser organisiert – deshalb zog ich tatsächlich niemals nach Wien.

Was sind Ihre Lieblingsorte, wenn Sie die Stadt besuchen?

Ich liebe es auf Flohmärkte zu gehen! Man findet überall aus Orten in der Slowakei bis zur heutigen Ukraine, die früher zu Österreich-Ungarn gehörten, und eben alte Familienstücke. Ich bin sehr neugierig auf diese ganzen alten Möbel und kleinen Objekte. Der Naschmarkt ist ganz gut, aber ich kenne noch einen Geheimtipp weit außerhalb der Innenstadt. Dieser Flohmarkt ist zwar ein wenig ärmlicher, aber umso interessantere Stücke kann man dort finden.

Ihr Werk als Regisseur wird der sogenannten „Schwarzen Welle“ zugeordnet. Das geschah aber ursprünglich aus einer Zuordnung von außen, während der Tito-Zeit. Wie haben Sie diese Kategorisierung erlebt und gab es jemals Momente, in denen sie aus politischen Gründen mit dem Filmemachen aufhören wollten oder mussten?

Das Jugoslawien der frühen 60er war ein sozialistischer Staat, aber mit offenen Grenzen. Wirtschaftlich blühte das Land, auch für die internationale Filmbranche waren die Schauplätze sehr gefragt. Viele italienische Produktionen wurden etwa in Kroatien gefilmt, weil es dort Überreste römischer Bauten gab. Die berühmten Winnetou-Filme wurden teilweise in den Bergen Bosniens gefilmt. Die jugoslawischen Produktionsfirmen gehörten dem Staat und es gab in dieser Zeit eine Offenheit für neue kinematografische Stile – etwa die nouvelle vague nach Jean-Luc Godard. Junge jugoslawische Filmemacher etablierten das Genre des „Neuen Jugoslawischen Films“. Nachdem ich einige Erfolge mit meinen dokumentarischen Kurzfilmen erzielt hatte und Preise gewann, wurde ich eingeladen, einen Debütfilm zu machen. Anfangs wusste ich nicht, worüber ich einen Langfilm drehen sollte, aber ich sollte die Chance nutzen, weil es gerade Geld für eine solche Produktion gab. Ich filmte während der Studentenproteste gegen die „rote Bourgeoisie“ in Belgrad. Die Tschechoslowakei wurde von der Sowjetunion belagert.  Wir jungen Leute sollten sogar an die Grenzen kommen, um Gräben gegen die Panzer zu graben. Ich schrieb ein Drehbuch um die damals gegenwärtige Frage, ob Sozialismus in der Zukunft bestehen könnte. Im Jahr 1969 feierte „Frühe Werke“ Premiere

Sie weigerten sich aber, in dem Film einen sozialistischen Helden zu feiern und sollte verboten werden?

Von Kritikern wurde er teils gut, teils schlecht aufgenommen. Der Film wurde für die Berlinale nominiert, die damals im Juli stattfand. Im Mai kam eine Klage von einem Staatsanwalt, der Film soll verboten werden. Nachdem unsere Producer deren Anwälte in dieser Sache nicht einschalten wollten, verteidigte ich als Anwalt selber meinen Film. Das war sehr überraschend – natürlich hatten wir als sozialistischer Staat ein Einparteiensystem. Aber es gab Raum für Diskussion. Der Film wurde nicht zurückgezogen, und gewann einen Preis auf der Berlinale.

Zilnik
Filmausschnitt aus "Tito unter den Serben zum zweiten Mal" (1994) - Zilnik ließ Marschall Tito durch die Straßen Belgrads schlendern. (C)Courtesy der Künstler

Wie kam das Genre der „Schwarzen Welle“ zustande, in das Ihre Filme zugeordnet werden?

Es war eine bizarre Situation – einerseits gab es eine schwere Verurteilung des Einmarsches der Sowjetunion in die Tschechoslowakei, andererseits entwickelte sich ein neuer Dogmatismus. Plötzlich wurde über meine „Frühen Werke“ oder Filme von Dušan Makavejev oder Aleksandar Petrović gesagt, dass wir die Realität durch eine ganz schwarze Sonnenbrille sehen würden. Es war schlicht und ergreifend dumm – wir lachten darüber! Die meisten von uns waren Mitglieder der Kommunistischen Partei und wurden ausgeschlossen, unter wahnwitzigen Vorwänden, wie dass wir Trotzkisten wären. Ich erklärte, dass ich nicht einmal Bücher von Trotzki lesen konnte, weil ich kein Russisch beherrschte und es keine Übersetzungen gab. Dann sagten sie, dass wir Anhänger Daniel Cohn-Bendits seien [Anm.: Einer der Köpfe der französischen Studentenproteste] und so weiter. Das war ein Wandel in der Kulturpolitik Jugoslawiens. Ich kann mich erinnern, wie wir Filmemacher bei einem Kaffee zusammensaßen und sagten: Wir weigern uns, jenes Land zu verlassen, in dem wir noch vor einem Jahr lebten! Dann wurden aber meine Filme vom Vertrieb zurückgezogen. 15 Jahre lang waren sie ausgeschlossen. Danach entstand der „Crni Film“ (1971) [dt.: Schwarzer Film], in dem ich sechs Obdachlose bei mir beherbergte, um zynisch die humanitären Ansprüche der Regierung zu kommentieren. Ich hatte danach keine Möglichkeit mehr Filme zu machen, deshalb ging ich nach Deutschland, um als Gastarbeiter Autos zu reparieren.

Heutzutage werden Künstler in Europa kaum von staatlicher Seite verhindert, dafür aber beispielsweise durch eine sogenannte „Cancel Culture“ auf Social Media. So wurde etwa Roman Polanski aus der französischen Akademie ausgeschlossen, nach den Vergewaltigungsvorwürfen, die seit Jahrzehnten ein Thema sind. Wie stehen Sie dazu, dass zwischen Künstlern privat und ihrer Arbeit keine Trennung vorgenommen wird?

Wir haben heute eher weniger Probleme mit Zensur, jedoch viel mehr mit dem komplizierten System für Förderungen, wo Projekte einen Parcours durch Kommissionen und Gremien durchlaufen müssen und oft erst nach drei bis fünf Jahren gedreht werden können. Wir müssen bedenken, vor mehr als 30 Jahren gab es den technischen Fortschritt nicht. In dem Moment, in dem digitale Produktion möglich war, waren wir nicht mehr von Entwicklungsstudios und Laboren abhängig. Der Zugang zu Kameras und technischen Mitteln wie Licht etc. ist kinderleicht. Wir hätte man eine halbe Million Euro aufbringen müssen, um eine Kamera zu mieten, die Ton und Bild zusammen aufzeichnet! Und bis zu sechs Leute mussten sich um diese Kamera und die Negative etc. kümmern. Um einen Spielfilm zu produzieren, musste man mindestens 20, oft sogar 50 Kilometer Film im Labor entwickeln lassen. Das sind enorme Kosten, die man einplanen musste, bevor man überhaupt mit dem Dreh beginnen konnte. Heute ist es so, dass man zwar mit weniger Budget planen kann, aber auch mit weniger Profit rechnen muss. Klar ist politische Korrektheit eine neumodische Form der Zensur geworden – ich habe mich aber aus solchen Kategorien bislang gut fernhalten können.

Zilnik
Želimir Žilnik ist Rechtsanwalt und Filmemacher - und hat als Gastarbeiter in Deutschland Autos repariert. (C)esel/Lorenz Seidler

Was sind Ihre nächsten Projekte?

Ich spreche niemals über meine nächsten Projekte, bis der Rohschnitt nicht fertig ist! Es ist nämlich eine Schande für einen Filmemacher große Töne zu spucken, bevor es irgendeine Arbeit gibt. Aber so viel kann ich verraten: Wir arbeiten an etwas Neuem.

 

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