„Junge Menschen sind stark umworben mit verlockenden goodies“

11. November 2021

Der Finanzführerschein soll jungen Menschen den Umgang mit Geld lehren. Warum das vor allem in Zeiten von werbenden Influencerinnen und Influencern wichtig ist und was die häufigsten Schuldenfallen sind, erzählt uns Gudrun Steinman, Leiterin der Finanzbildung von der Schuldnerberatung Wien.

Biber: Was ist ein Finanzführerschein?

Gudrun Steinmann: Trainerinnen und Trainer der Schuldnerberatung Wien besprechen in Polytechnischen und Berufsschulen Themen wie Konto, Kredit, Budgetführung, Einnahmen und Ausgaben. Mit einer Ausbildungszeit von 5 Wochen, zu je zwei Unterrichtseinheiten, setzen wir uns das Ziel, das Thema Geld zu enttabuisieren. Jugendliche sollen sich erkundigen, wie es mit den Einnahmen und Ausgaben innerhalb des eigenen Haushaltes aussieht, wie viel die Handyrechnung oder Wohnmiete kostet. Am Ende des Workshops wird ihnen ein Zertifikat zur Finanzexpertin und zum Finanzexperten ausgestellt. Das Zertifikat können sie in ihren künftigen Arbeitsstellen als eine zusätzliche Qualifikation vorweisen.

Was empfehlen Sie jungen Menschen?

Es ist wichtig, dass man bewusst mit dem Geld, dass man selbst verdient, umgeht. Die meisten von ihnen erzählen uns, dass das eigene Einkommen für Shopping oder Weggehen ausgegeben wird. Wir raten einen Teil des Einkommens auf die Seite zu legen, denn spätestens für die erste Wohnung wird man das Geld brauchen. Besser, bewusst mit Geld umgehen, als später einen Kontoüberzug oder Kredit aufzunehmen und damit schon das erste Mal in die Schuldnerfalle zu tappen. Oft löst die Teilnahme an einem Workshop einen „Aha-Effekt“ aus. Die jungen Erwachsenen sehen öfters auf den eigenen Kontostand, vergleichen Preise und reflektieren, ob die Ausgaben notwendig sind, oder nicht.

Wann beginnen Schulden aus Ihrer Perspektive?

Schulden beginnen oft kurz nach der Volljährigkeit. Es kommt zum ersten Kontoüberzug oder ersten Kredit. Bei jungen Männern ist es häufig der Kredit für das erste Auto. Bei manchen Frauen ist es der Shopping-Konsum. Auch durch Onlinekäufe kommt es vermehrt zur Verschuldung. Schulden entstehen aber auch oft für die Wohnraumbeschaffung und die Einrichtung. Menschen um die 40 Jahre kommen zur Schuldnerberatung, nicht weil diese mit Geld nicht gut umgehen können, sondern weil der Schuldenberg angewachsen ist. Es gibt viele Einflussfaktoren für die Entstehung von Schulden. Beispielsweise unvorhersehbare Ereignisse wie Scheidung, Unfall oder Erkrankung. Auch Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit wirken als Faktoren mit. Das System kippt nach gewisser Zeit, weil man auf Langzeit mehr Geld ausgibt, als man einnimmt. Fazit: es entstehen Schulden.

Der Black Friday am 26.11. steht vor der Tür. Welche Gefahren bringt dieser Konsumfeiertag?

Der Black Friday ist gezielt gesetzt und die Werbeangebote machen psychologisch mit uns allen etwas. Wir werden zum Einkaufen verlockt. Preise und Schnäppchen werden von Jugendlichen kaum verglichen und hinterfragt. Beim Black Friday und im Onlinehandel sind es meist junge Menschen, die in die Falle tappen. Das Umfeld junger Menschen ist stark umworben, unter anderem durch Influencerinnen und Influencer. Sie sagen was „in“ ist und werben mit verlockenden Goodies. Es steckt ein System dahinter. Gerade im Pubertätsalter lässt man sich leicht beeinflussen und da setzt die Werbeindustrie an und investiert viel Geld hinein. Wichtig für uns ist, dass junge Menschen sich kritisch mit diesem System auseinandersetzen und die Strategien dahinter erkennen.

Welche Ziele setzen Sie sich als Leiterin der Finanzbildung für die Zukunft?

Wir wollen unser Projekt ausbauen. Je mehr Jugendliche wir erreichen, umso besser ist es. Junge Menschen sollen reflektieren und über das Thema Finanzen reden. Ich freue mich, dass wir den Finanzführerschein an Schulen durchführen können und das Tabuthema Geld brechen können. Man soll darüber reden, man darf auch mal scheitern und hinfallen. Die Schuldnerberatung ist kostenlos und wenn etwas passiert, kann man immer bei uns anrufen und nachfragen.

 

Der Finanzführerschein ist ein kostenloses Angebot von Fonds Soziales Wien in Kooperation mit der Arbeiterkammer, auch unterstützt von der Bildungsdirektion. Die Ausbildung gibt es Polytechnischen Schulen und Berufsschulen. Ab dem kommenden Jahr wird der Finanzführerschein advanced angeboten, für junge Erwachsene unter 25 Jahren, die beim AMS oder MA 40, Sozialamt gemeldet sind und auf Jobsuche sind. Das Projekt geht ab Jänner 2022 in Regelbetrieb und das Ziel sind 2.000 Finanzführerscheine.
Telefonisch: 01/24 5 24 – 60 300

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