Leg dich nicht mit meinen Armen an!

07. Oktober 2020

Ich habe keine Unterarme und bewältige meinen Alltag ohne Probleme. Das sehen die Vermieter dieser Stadt jedoch anders.


Die passende Wohnung in Wien zu finden, ist für alle Suchenden eine Frage der Geduld. Auch ich hatte den großen Traum einer eigenen Wohnung. Doch schon relativ bald sollte sich herausstellen, dass sich mein Traum zum Alptraum entwickeln wird. Einmal mehr musste ich feststellen, dass wir in unserer Gesellschaft leider noch immer viel zu sehr auf unser Äußeres reduziert werden – ja, sogar bei der Wohnungssuche!

Beeinträchtigt?! – Not me!

Ich bin 27 Jahre alt, habe ein Masterstudium abgeschlossen, gehe arbeiten, lebe mein Leben und ja, meinen Alltag bewältige ich ohne Unterarme, also mit einer „körperlichen Beeinträchtigung“. „Beeinträchtigung“, wie ich diesen Begriff verabscheue. Warum? Ganz einfach. Weil ich mich in meinem Leben nicht „beeinträchtigt“ fühle. Schon als kleines Kind war es mir immer wichtig, meine „Behinderung“ niemals in den Vordergrund meiner Person zu stellen oder mich durch sie zu definieren. Für mich zählt nicht, was ich durch meine „Beeinträchtigung“ alles nicht schaffen, sondern was ich trotz oder auch wegen ihr erreichen kann. Selbst Menschen in meinem Umfeld nehmen mich als die Person wahr, die ich bin: eine junge Frau, die nichts anderes versucht als ihr Leben zu leben - Genauso wie alle anderen!

Jung, weiblich, „anders“ sucht... - no chance!

Dennoch beschert mir dieses kleine Detail über mich in bestimmten Situationen immer wieder unerwartete Hindernisse. So zum Beispiel auch bei meiner Suche nach der perfekten kleinen Wohnung für mich. Ich habe nach der zehnten Absage aufgehört zu zählen, wie oft ich in den letzten Wochen aufgrund meiner fehlenden Unterarme auf Abneigung seitens Makler oder Wohnungseigentümer gestoßen bin. Nicht nur das. Eigentlich habe ich ja den Jackpot, wenn es darum geht ein Stückchen vom bereits sehr beschränkten Wohnungsmarkt-Kuchen abzubekommen: Denn abgesehen von meinem äußeren Erscheinungsbild, ist auch mein Name kein 08/15 Schwabo-Name, was ebenso nicht gerade Plus-Punkte bei Vermietern einbringt – aber das ist ein anderes Thema...

Time to wake up!

Natürlich sagt es dir keiner so in your face, dass sie abgeschreckt von dir sind und Bedenken haben, du seist vielleicht nicht in der Lage, dich richtig um die Wohnung zu kümmern. Aber es heißt nicht umsonst: Blicke sagen mehr als tausend Worte! Bereits in den ersten Sekunden der meisten Besichtigungen konnte ich am Gesicht der Wohnungsvermittler erkennen, dass es wieder keine Wohnung für mich geben wird.

Anfangs nahm ich die ganze Sache noch ziemlich locker und versuchte mir einzureden, dass niemand auf Anhieb so leicht eine Wohnung findet. Als sich jedoch die Absagen über die Monate hinweg häuften und die Erklärungen und Ausreden der Wohnungsmakler und Eigentümer immer absurder wurden, begann ich, die Sache persönlich zu nehmen. „...Der Vermieter hat sich gegen Sie entschieden, aber das ist nicht gegen Sie gemeint. ...“ oder „...Der Eigentümer empfindet einen anderen Interessenten als geeigneter für seine Wohnung...“ – als geeigneter?! Danke für NICHTS!!?  Von den meisten kam nicht einmal eine Antwort. In meinem Kopf ständig derselbe Gedanke: „Nur weil ich anders bin?“

Das Enttäuschende an dieser ganzen Geschichte ist  eigentlich nicht die Tatsache, dass ich keine Wohnung für mich gefunden habe, sondern die Erkenntnis, dass unsere Gesellschaft zwar meistens behauptet, tolerant gegenüber Menschen zu sein, die „anders“ sind in jeglicher Hinsicht. Aus Erfahrung kann ich jedoch sagen: Wir sind noch lange nicht so weit! Wir reduzieren Menschen noch immer auf ihre „Andersartigkeit“, von der wir behaupten, sie zu akzeptieren. Dabei geht es gar nicht ums Akzeptieren an sich. Unsere Gesellschaft sollte endlich lernen, Menschen, egal wodurch sie sich von der Masse abheben, nicht einfach nur zu tolerieren, sondern sie gar nicht erst als „anders“ zu betrachten und vor allem sie niemals zu unterschätzen.

 

Denn: Wenn ich beim BIBER diesen Text hier abtippen kann, dann bin ich sehr wohl auch im Stande, mich um eine Wohnung zu kümmern – mit oder ohne Arme!         

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