Merkel, die Mitbürgerin

16. April 2020

Gestern hat Merkel eine Ansprache gehalten – Zwischenbilanz. Ich habe genau hingehört. Nicht nur wegen der Bilanz, sondern diesmal wegen der Ansprache. Wie spricht die deutsche Kanzlerin eigentlich an? In Österreich ist das ja ein großes Thema, vor allem im Österreich der Biber-Welt. Denn unser Kanzler spricht stets die lieben Österreicherinnen und Österreicher an und die lieben Migranten fühlen sich missachtet. Dabei sind es doch gerade sie, die hier den Laden zum großen Teil am Laufen halten. Viele Journalisten kommentieren diesen Missstand und ziehen dann Österreichs Bundespräsidenten als gutes Beispiel hervor. Alexander van der Bellen spräche ja stets die lieben Österreicherinnen und Österreicher an und „alle, die hier leben“. Klar, ist besser. Aber ich persönlich, als system-irrelevante Deutsche, habe mich dadurch trotzdem nicht gleichwertig gefühlt – eher wie der gutgemeinte Zusatz. Wie tut es also die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel? Immerhin kommt die Einteilung in weibliche und männliche Deutsche ja nicht in Frage, Deutschländer sind ja nur Würste. Die Kanzlerin macht es wie immer merkelmäßig unprätentiös und dabei gut. Sie sagt: „Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger.“ Das mag ich. Als Bürgerin, so finde ich, lebt man schließlich nicht nur, man hat Rechte, Pflichten und leistet einen Beitrag. Und auch wenn man mangels Geburts- oder Erbglück nicht Staatsbürgerin sein kann, sondern nur Mitbürgerin, so fühlt man sich doch als Mitglied im selben Club. Auf das Emotionale kommt es ja an! In dieser Krise wird ganz besonders an das Gemeinschaftsgefühl appelliert: "Einer für alle" ist das Motto, der Beitrag des Einzelnen zeigt den Zusammenhalt aller. Bloß, wenn viele Einzelne sich nicht angesprochen und nicht einmal begrüßt fühlen in den Ansprachen und Dankesreden der Regierenden, weil eh schon wissen „nix richtiger Österreicher“, dann ist das schlicht unhöflich und populistisch wirklich unangebracht. Immerhin ist der Zusammenhalt lebenswichtig, für die lieben Österreicher wie für alle hier Lebenden anderen.

Warum also nicht auch in Österreich alle unkompliziert über einen Kamm scheren und gleichwertig nebeneinanderstellen: „Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger…“ Klingt gut, tut niemandem weh und nimmt niemandem etwas weg. Dieses Konzept einer „Bürger-Identität“ als verbindendes Element in einer Gesellschaft propagiert zum Beispiel auch der belgische Vorzeigebürgermeister Bart Somers. Der einst zum besten Bürgermeister der Welt gekürte Integrationsexperte will die Einwohner seiner Kleinstadt Mechelen nämlich bewusst nicht in Nationalitäten und Communities einteilen. Für ihn haben alle eine wertvolle Identität gemein, nämlich die Bürgerin und Bürger zu sein. Für Merkel ist das anscheinend ähnlich. Sie verbindet nicht nur die Menschen in Deutschland mit einem „Mit“-Bürger miteinander, sie stellt sich ihnen gleich. Wer Mitbürger sagt, meint sich selbst auch.

Blogkategorie: 

Das könnte dich auch interessieren

Foto: Zoe Opratko
Der jüngste Vorfall, bei dem...
jad, flucht
Als ich die Bilder des niedergebrannten...
Jad Turjman
Unser Autor Jad Turjman hat den...

Anmelden & Mitreden