Nein Mama, ich will keine Brathendl-Hochzeit

07. Oktober 2021

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Lichter
Foto: unsplash.com/Andrew Knechel

„Komm, gehen wir Halay tanzen.“ - Unsere Hochzeiten sind aus meiner Perspektive mit viel Entertainment und Spaß verbunden.  Man muss es einfach erlebt haben. Es wird getanzt, gefeiert und alle sind in bester Stimmung. Ich zähle dennoch zu den seltenen Exemplaren, die ungern auf Hochzeiten erscheint, außer es geht um meine Familie oder Freunde.  

Willkommen in unserer Hochzeitswelt

In unserem Kulturkreis finden Hochzeiten immer in den gleichen riesen Sälen statt, die ausnahmslos gestopft voll sind. Es gibt mehr als 500 Gäste. Jede Menge kreischende Kinder, die den Saal verwüsten - als gäbe es kein Morgen. Jede*r nimmt jede*n unter die Lupe und spielt untereinander Stille Post über das Erscheinungsbild des Anderen. Dann gibt es auch die Gäste, die sich den „bu ne giymiş böyle?“, übersetzt: „Was hat die/der denn an?“ – Blick zuwerfen. Entertainment pur, oder? Es wird noch besser! Braut und Bräutigam betreten in den verschiedensten Versionen den Saal. Es gibt die Romantiker*innen, mit einer Slow-Melodie. Die traditionellen Pärchen mit Trommel und Zurna, einem Instrument mit trichterförmigem Schallbecher. Und dann gibt’s diejenigen, die eine Auszeichnung für den kreativsten Walk-in bekommen sollten. Als Kind war ich mal auf einer Hochzeit mit einem unvergesslichen Erlebnis. Die Hintertür des Saales wurde geöffnet und man versuchte am roten Teppich mit dem Auto in den Saal leicht hineinzufahren, um dem Brautpaar eine Bühne zu bieten. Einzigartige Show. Halay ist der traditionelle Volkstanz, der Kernpunkt jeder Hochzeit. Dieser wird mit vollem Körpereinsatz getanzt bis die Füße schmerzen. Sogar Einweg-Flip Flops wurden auf einer Hochzeit den Gästen angeboten, um den Schmerz an den Füßen zu vermeiden und bequem zu tanzen. Was man nicht alles für einen bequemen Halay-Tanz macht. Was wäre sonst eine Hochzeit ohne Halay?

 

Kommen wir zum Essen. Auf den meisten Hochzeiten in meinem Umkreis gibt’s Brathendl oder seltener Fleisch und Reis. Lecker, oder? Irgendwann, nach der fünfzigsten Hochzeit, ist es aber nicht mehr lecker. Alkohol gibt es auf manchen Hochzeiten nicht, auf manchen wiederum mengenweise. Flaschen werden leer getrunken, jede*r ist gut drauf, alle haben Spaß. Hier gibt es Gäste, die den Alkohol trinken, Gäste die keinen Alkohol trinken und Gäste, die Whiskey Flaschen mal unauffällig in ihren Taschen verschwinden lassen. Was danach mit den Flaschen passiert? Entweder werden sie zu Hause getrunken oder in den Sommermonaten in die Heimat mitgenommen und dort dann an die Verwandtschaft verschenkt. Manchmal denke ich mir, manche unserer Hochzeiten könnten als Comedy-Show im TV ausgestrahlt werden. Eine hohe Einschaltquote wäre sicher nicht auszuschließen. 

 

Viele junge Menschen unserer Community können sich ihren Familien gegenüber nicht durchsetzen. Zumindest nicht, was die Vorstellung der eigenen Hochzeit angeht. Denn das Prinzip einer türkisch/kurdischen Hochzeit ist immer dasselbe. Es wird dem Pärchen immer dasselbe vorgekaut: ein Saal wird gemietet und alle Familien, die einen auch mal zur Hochzeit der eigenen Kinder eingeladen haben, werden eingeladen. Aus diesem Prinzip entsteht ein ewiger Kreis und jede*r lädt jede*n aus der eigenen Umgebung ein.  Wenn mich Mama eines Tages fragt, wie ich mir meine Hochzeit vorstelle, werde ich ihr mit: „Nein Mama, ich will keine Brathendl-Hochzeit“, antworten. Ob ich mich durchsetzen werde? Werden wir sehen.

 

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