Neue Perspektiven: Deutsch-türkische Literatur, die unter die Haut geht

16. Januar 2023

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Ein gutes Buch kann ein Zufluchtsort sein. Foto: Clay Banks, Unsplash

Sie schreiben vom Aufwachsen zwischen den Kulturen, vom Entdecken ihrer hybriden Identität, von Heimatgefühl und vom Fremdsein: Diese drei deutschsprachigen Autor:innnen mit türkischen Wurzeln solltet ihr unbedingt auf eure Leselisten und Bücherregale setzen!

Emine Sevgi Özdamar: „Die Brücke vom Goldenen Horn“

Eine der Autor:innen, wenn es um deutsch-türkische Literatur geht, ist Emine Sevgi Özdamar. Die gebürtige Türkin kam 1965 zum ersten Mal als Gastarbeiterin nach Deutschland ohne die Sprache zu beherrschen. In ihren Geschichten, die oft identitätspolitisch sind, verarbeitet sie diese Zeit. Özdamar wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Bayrischen Buchpreis und erst vor Kurzem mit dem Georg-Büchner-Preis.

Ein Roman, der mir ans Herz gewachsen ist, ist „Die Brücke vom Goldenen Horn“. Es geht um die Geschichte einer jungen Türkin, die 1968 zwischen Berlin und Istanbul schwebt – sowohl tatsächlich örtlich als auch seelisch. Der Leser erfährt, wie die junge Frau erwachsen wird, sich sexuell entdeckt, Träume hat, wie sie zwischen alten Traditionen und dem Neuen in Deutschland steht und wie sie mit der politischen Lage dieser Zeit umgeht.

Aus Sicht der Linguistik ist dieses Buch ein Phänomen. Özdamar spielt mit der türkischen und der deutschen Sprache, wie es ihr gerade passt. Zu Beginn des Romans lassen sich viele türkische Wörter und vor allem vom Türkischen ins Deutsche übersetzte Redewendungen finden, über die ich als Deutsche ohne Türkisch-Kenntnisse beim Lesen häufig gestolpert bin. Zum Ende des Romans lösen sich diese Spielereien immer mehr auf. Warum? Weil die Protagonistin nun schon einige Zeit in Deutschland lebt und ihr Deutsch besser wurde. Mit Sprache lässt sich viel sagen, ohne es direkt zu sagen – und genau das hat Özdamar spielerisch genutzt, was den Roman und seinen Schreibstil für mich so besonders macht.

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„Die Brücke vom goldenen Horn“, 2002, KiWi-Taschenbuch, 13,00€

Yadé Kara: „Selam Berlin“

Eines meiner Lieblingsbücher nennt sich „Selam Berlin“, welches die türkische Autorin Yadé Kara schrieb, die in West-Berlin aufwuchs. Hasan heißt der 19-jährige Protagonist ihres Romans. Seine Familie pendelt wegen der Arbeit des Vaters seit Jahren zwischen der Türkei und Deutschland, doch am Tag des Mauerfalls beschließt Hasan Istanbul zu verlassen und zu seinem Vater nach Berlin zu ziehen. Zwischen Ost und West, zwischen Jugend und Erwachsensein, zwischen Altbekanntem und Neuem. Der Leser verfolgt Hasan beim Verstehen seines hybriden Identitätsverständnisses, beim Entdecken der ersten Liebe und beim Herausfinden der Frage, die sich alle Heranwachsenden stellen: Wer bin ich und was möchte ich?

Die Autorin betreibt in den Dialogen manchmal Code-Switching, das heißt, sie wechselt teilweise innerhalb eines Satzes vom Deutschen ins Türkische und wieder zurück. Aber keine Sorge, für alle, die (wie ich) kein Türkisch verstehen, stehen die Übersetzungen mit Sternchen dabei. Als Leser lernt man Hasan lieben und verstehen, wie er auf tragische und dennoch komische Weise versucht seinen ganz eigenen Weg zu finden. „Selam Berlin“ ist ein Roman, den jeder einmal gelesen haben sollte und der einen mehr als einmal zum Schmunzeln bringt.

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"Selam Berlin", 2004, Diogenes, 13,40€

Selim Özdogan: „Wo noch Licht brennt“

Eine etwas andere Perspektive von Migration nach Deutschland beleuchtet Selim Özdogan in „Wo noch Licht brennt“. Es geht um Gül, eine Frau, verheiratet und Mutter erwachsener Kinder. Sie wanderte zum zweiten Mal nach Deutschland aus, nachdem sie zwischendurch wieder einige Jahre in der Türkei lebte. Der Roman ist Teil einer Trilogie, welche Güls Geschichte erzählt. Die ersten beiden Werke müssen jedoch nicht unbedingt gelesen werden, um zu verstehen, wie Gül zwischen zwei Welten lebt, sich keiner Kultur mehr richtig zugehörig fühlt und welche Einsamkeit das auslösen kann. Die Protagonistin berührt – über jede soziale und kulturelle Konvention hinweg.

Besonders schön an dem Roman finde ich, dass die Protagonistin keine Teenagerin mehr ist, sondern eine erwachsene Frau, was neue Perspektiven der Interkulturalität zeigt und selten in der Literatur besprochen wird. Ihre Sorgen und Eingliederungsmöglichkeiten sind ganz andere als es beispielsweise bei der Protagonistin von Emine Sevgi Özdamars „Die Brücke vom Goldenen Horn“ der Fall ist, doch mindestens genauso wichtig zu besprechen.

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"Wo noch Licht brennt", 2017, Haymon, 22,90€

 

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