NICHTS TUN, ALLES FÜHLEN

10. Februar 2022

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Do Nothing, Feel Everything
Yesmine Ben Khelil, Tout devient rose … 3 [Alles wird rosa ... 3], 2020, Courtesy die Künstlerin und Galerie Maïa Muller, Paris

In der Schau Do Nothing, Feel Everything denken internationale Künstler*innen das Thema mentale Gesundheit neu. Von schaurig schönen Kinderbüchern und Anleitungen zur Selbstmedikation ist alles dabei.

von Nada El-Azar

Bald jährt sich der erste Lockdown in Österreich schon zum zweiten Mal – und es steht nach zwei Jahren fest, dass die Corona-Pandemie nicht nur eine Krise der körperlichen, sondern auch der mentalen Gesundheit ist. In Zeiten des Social Distancing kann man sich durchaus die Frage stellen: Wie nah sind wir eigentlich uns selbst gekommen?

Ist Wahnsinn schon demokratisiert?

Die Ausstellung Do Nothing, Feel Everything in der Kunsthalle Wien Karlsplatz ist im engeren Sinne eine Einladung, die Aufmerksamkeit auf das Innere zu lenken. Abgeleitet (und anschließend verdreht) wurde der Titel von dem Slogan „Do everything, feel nothing“, der ursprünglich aus einer Werbung für Tampons stammt. Wir dringen also gewissermaßen auch in die Intimsphäre der geistigen Gesundheit ein. Gleichzeitig hinterfragt die Schau im weiteren Sinne das uralte Zusammenspiel von Kunst und mentaler Gesundheit. Man denke an den Stereotyp des leidenden Künstlers, und wie präsent in der Kunstgeschichte die Glorifikation von Wahnsinn und Depressionen sind. Ist in der heutigen Zeit, in der das Bewusstsein um strukturelle Gewaltformen so stark ist, nicht jeder ein bisschen verrückt?

Verstörend schön

Ein zentrales Werk in der Schau stammt von dem US-amerikanischen Künstler Henry Joseph Darger, dessen Erzählwerk mit dem monumentalen Titel „The Story of the Vivian Girls, in What Is Known As The Realms Of The Unreal, of the Glandeco-Angelian War Storm, Caused By The Child Rebellion“ erst posthum Anerkennung erfuhr. Seine Illustrationen von sieben tapferen Schwestern, die als Prinzessinnen in einem katholischen Reich einen Kampf gegen Versklavung von Kindern führen, sind verstörend und faszinierend zugleich. Darger wuchs in einem Waisenhaus auf kreierte bis zu seinem Tod im Jahre 1973 ein eindrucksvolles Œuvre, das an die 15.000 maschinen- und handgeschriebene Seiten umfasst. Die Vivian Girls versprühen nur auf den ersten Blick das Anmuten einer „Kinderbuchserie“ – bei genauerer Betrachtung sind es Bilder und Erzählungen von Missbrauch, Gewalt und sexueller Verzerrung, die tragisch mit der Lebensgeschichte des Künstlers verflochten sind. Die Position von Darger als Außenseiter, dessen Werk erst nach seinem Ableben Ruhm erfuhr, spielt eine entscheidende Rolle für die gesamte Ausstellung.

Do Nothing, Feel Everything
Ausstellungsansicht Do Nothing, Feel Everything: Stanislava Kovalcikova, Misty (Foggy), 2017, und Shana Moulton, The Pink Tower, 2019, Kunsthalle Wien 2021, Foto: www.kunst-dokumentation.com

Das Element des Außenseitertums kommt an anderer Stelle in den Zeichnungen der in Wien geborenen und lebenden Künstlerin Laila Bachtiar zur Geltung. Die Werke im Stil des Art Brut – eine Richtung, die von Outsidern wie Menschen mit psychischen Erkrankungen oder Gefängnisinsassen geprägt wurde  – zeigen die Welt durch die Augen einer Autistin, die sich akribisch in Details verlieren kann, und gleichzeitig Proportionen eine neue Gewichtung verleihen kann. Von Bachtiar sind unter anderem Ein Baum (2010), Der Fuchs (2013) und Katze (2009) in der Schau zu sehen.

Unheimliche Reisen

Ähnlich wie bei Henry Joseph Darger, geht es in den Arbeiten der Künstler*in Tom Seidmann-Freud zu. Geboren wurde sie als Martha Seidmann-Freud. Sie eine Nichte des berühmten Psychoanalytikers Sigmund Freud, der Konnex zur mentalen Gesundheit ist jedoch nicht nur durch ihre Verwandtschaft gegeben. Die von ihr gestalteten Kinderbücher Die Fischreise, sowie das Buch der Hasengeschichten sind zwar zeitlos schön illustriert, aber auch von dunklen Ereignissen im Leben der Künstlerin geprägt. Ihr Bruder Theodor ertrank in einem See – so ihr Werk Die Fischreise eine unheimliche Reise in bunte Unterwasserwelten. Von einem gigantischen Fisch verschluckt zu werden ist eine uralte Furcht, die in der Kunst von Moby Dick bis Pinocchio schon mehrere Ausläufer gefunden hat. Die Künstlerin, die sich schon als Jugendliche den Namen Tom gab und gelegentlich in Männerkleidung auftrat, hatte es als Jüdin im Berlin der 20er Jahre mit Ausgrenzung nicht leicht. Sie nahm sich 1930, nur wenige Zeit nach dem Selbstmord ihres Ehemannes Yankel Seidmann, schließlich mit 38 Jahren das Leben.

Do Nothing, Feel Everything
Tom Seidmann-Freud, Die Fischreise, 1923, Abbildung aus dem gleichnamigen Kinderbuch, Courtesy Amnon Harari, Ayala Drori und Osi Gevim

Eintritt ist frei

Die internationale Ausstellung stellt darüber hinaus eine Serie der 1986 geborenen nigerianischen Künstlerin Rahima Gambo vor, die in den 2010er Jahren als Fotojournalistin die Gräuel des Boko-Haram-Terrors begleitete. In der Videoarbeit A Walk lädt sie den Betrachter dazu ein, die Schauplätze der Angriffe in Maiduguri zu besuchen. Die Bildserie Tatsunya zeigt hingegen junge Schülerinnen in einer heiteren Spielsituation, die mit dem allgemeinen Narrativ des Traumas, das in den Medien vorherrscht, bricht.

Do Nothing, Feel Everything
Ausstellungsansicht Do Nothing, Feel Everything mit Arbeiten von Rahima Gambo aus der Serie Tatsuniya II, 2019, Kunsthalle Wien 2021 Foto: www.kunst-dokumentation.com

Weitere Arbeiten sind unter anderem von Yesmine Ben Khelil, Patricia Domínguez, Niklas Lichti, Shana Moulton, Stanislava Kovalcikova, Tony Cokes und Sophie Carapetian & Jakob Jakobsen zu sehen. Kuratiert von Laura Amann und Aziza Harmel.

Der Eintritt in die Kunsthalle Wien Karlsplatz ist frei.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 24. April 2022.

Mehr Informationen unter: www.kunsthallewien.at

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