"No, this is Austria!”

19. März 2021

Als Augustin-Verkäufer im bunten Kostüm kennt man Osa von der Mariahilfer Straße in der ganzen Stadt. Ich habe mit dem 36-jährigen über die Staatsbürgerschaft, den Traum von Sicherheit und dem Unterschied zwischen Australien und Österreich gesprochen.

 

„How you doing bro, you alright? Hey, come on!” Einige verlangsamen, andere verschnellern ihre Schritte, wenn der Zeitungsverkäufer mit dem regenbogenfarbenen Irokesen sie anspricht. Manche kennen ihn, fragen, wie es geht, oder spenden Kleingeld. Die Augustin-Exemplare, die er tatsächlich pro Tag verkauft, sind maximal zehn oder elf. Von den 2,50 Euro pro Stück, darf er die Hälfte behalten. Ich will wissen, wie seine Arbeit aus seiner Sicht aussieht und verabrede mich mit ihm nach Feierabend.

Mit zwei Coke-Zero in der Tasche hole ich Osa vor dem „Gerngross“ ab. Eigentlich wollte ich Bier mitbringen, aber Alkohol trinkt er nicht. „Du auch Cola!“, sagt er erfreut. „Solidarität“, murmele ich. Wir stoßen an und setzen uns auf eine Bank mitten auf der Einkaufsstraße. Die Mariahilfer sei einer seiner Lieblingsorte, erzählt er mir. Er mag das lebendige Treiben. Und natürlich sind mehr Leute besser fürs Geschäft. Es ist bis jetzt der einzige Job, den er machen kann, er wartet schon lange auf eine Arbeitserlaubnis. Vor sieben Jahren hat er Nigeria verlassen, weil er sich weigerte, für Terroristen zu kämpfen. Das Flugticket musste er heimlich über ein paar Ecken buchen, so dass sein eigentliches Ziel „Australia“ zu „Austria“ wurde. „Die Kälte hat mich schockiert.“, erzählt er: „Nach ein, zwei Wochen ging ich dann zu jemandem und fragte: ‚Excuse me? Is this Australia?‘ und man sagte mir: ‚No! This is Austria!‘“. Er lacht laut, als er das erzählt. Wenn man ihn bei seiner Arbeit betrachtet, merkt man: Er ist ständig auf Achse. Sein Wecker klingelt um acht, um zehn fängt er an zu verkaufen. Nur sonntags hat er frei.

Der Traum von Mitbestimmung

„Essen, Schlafen, Freunde anrufen. Früher war ich Leute treffen, jetzt geht das nicht. Manchmal telefoniere ich mit meiner Mutter und meinen Geschwistern in Afrika. “ Osa ist ein informierter Mensch, die Pandemie-Lage hat er immer im Blick, Innen- und Außenpolitik sowieso. Als ich ihn frage, ob er gerne für Wien und Österreich wählen gehen will, funkeln seine Augen. „Ich habe diesen Traum,“ sagt er, „dass ich eines Tages auch abstimmen kann.“ Ob es dazu kommen wird, ist ungewiss, dafür braucht er die Staatsbürgerschaft, was in Österreich bekanntlich eine Herkules-Aufgabe ist. Dabei gehört er für viele Wiener schon lange zur Heimat. Er hat hier so etwas wie eine zweite Familie gefunden, so spricht er jedenfalls von den Ladenbesitzern um ihn rum und seinen täglichen Begegnungen. Aber nicht alle sind nett. „Achtzig Prozent der Österreicher“, schätzt Osa, „sind nette, gute Menschen.“ Was mit den restlichen zwanzig Prozent ist, deutet er nur an, rassistische Anfeindungen schulterzuckt er weg: „Es gibt halt immer Dumme.“

Obwohl sein Herz vor dem „Gerngross“ an der Mariahilfer Straße liegt, macht Osa sich keine Illusionen. Sobald es geht, will er angemeldet arbeiten, am liebsten als Security: „Ich helfe jetzt schon aus. Wenn ich jemanden etwas klauen sehe, rufe die Ladenbesitzer oder die Polizei. Ich könnte das gut.“, sagt er. Immer wieder erwähnt er, dass er sich verpflichtet fühle, „Österreich etwas zurückzugeben.“ In Nigeria hat er Fenster eingebaut, auch das wäre denkbar. Er will keine Sozialleistungen beziehen, er will aktiv bleiben. Er ist sich sicher, dass es bald schon klappt: „Und wenn ich eine Arbeit habe“, sagt er, „werde ich an manchen Wochenenden trotzdem noch hier Zeitungen verkaufen.“

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