Rumänien, wann bist du so fremdenfeindlich geworden?

05. August 2016

Ich war seit Langem nicht mehr so wütend. Einen Monat war ich in Rumänien und ich habe schon die Nase voll. Nein, nicht von meinem Zuhause, von meiner Familie und von allen schönen Sachen, die mich mit meiner Heimat verbinden, sondern von allen krassen Meinungen, die ich aushalten musste.


Ich durfte mit vielen Menschen sprechen und habe ziemlich oft ferngeschaut. Somit konnte ich mir einen Überblick davon verschaffen, wo sich die Rumänen den anderen Menschen auf der Welt gegenüber platzieren.

Wie sieht es bei uns aus?

Kurze Hintergrundgeschichte: Was die Einwohner angeht, ist Rumänien ein ziemlich homogenes Land. Aus circa 20 Millionen Menschen sind knapp 17 Millionen Rumänen und fast genauso viele christlich-orthodox. Es gehören dazu auch andere Volksgruppen, wie etwa die Ungarn, Roma, Ukrainer, Deutsche, Türken usw. (der Größe nach), aber nur in bestimmten Gebieten (außer der Roma, die auch keinen privilegierten Status bei uns genießen). Auswanderung nach Rumänien ist auch ein seltenes Phänomen. Unter dem Strich trägt all dies zu einem ziemlich einfarbigen Straßenbild bei, besonders im Süden, woher ich komme.

„Wir sollen unser Land mit einem Zaun umgeben”

Ich war zu Besuch bei einem alten Freund. Während ich mich mit seiner Mutter genüsslich über ihr Kuchenrezept unterhielt, mischte sich sein Vater ein und ging vom Hölzchen aufs Stöckchen mit einer „lang erdachten” Frage: „Sag mir, glaubst du nicht auch, dass diese depperten Muslime auch unser Land erobern werden?” (Anmerkung: Viele setzen in ihrem Sprachgebrauch Muslime mit Terorristen gleich, aus dem einfachen Grund, dass sie nie echte Muslime kennengelernt haben). Ich war sprachlos. Er wartete nicht auf meine Antwort und ging ungeduldig weiter: „Wir brauchen Vorbeugungsmaßnahmen: einen riesigen Stacheldrahtzaun um das Land herum. Sonst werden wir auch  wie die Deutschen.”

Ähnliche Auffassungen durfte ich auch in einer etwas weniger extremen Form von vielen anderen hören. Das Schlimmste daran? Es wäre sinnlos gewesen, ihren Aussagen zu kontern. Solche Menschen sehen nicht weiter, als ihre Nase reicht, denn sie kennen alles, was sich von ihrem Alltag unterscheidet, nur vom Fernsehen.

Fernsehen = Gehirnwäsche

Das Fernsehen ist ein sehr beliebter Zeitvertrieb in meiner Heimat. Neben den zwei, drei Qualitätskanälen gibt es leider ungeheuer viel Schrott. Und was bekommen meine Landsleute davon mit? Dass Flüchtlinge bald „unser schönes und unbeflecktes Rumänien” verderben und, Gott behüte (unser Gott, natürlich), islamisieren werden. Diese ganzen circa 1300 Seelen, die bei uns Asyl bekommen haben. In einem Land mit sage und schreibe 20 Millionen Einwohnern. Die glauben es aber gerne und beten zu dem einzigen echten Gott (dem christlich-orthodoxen, wie sonst?), sie davon zu behüten.

Hass auch im Inland

Es musste nicht unbedingt die Flüchtlingskrise existieren, damit die Rumänen in den Genuss des Fremdenhasses kommen. Fremd bedeutet in Rumänien auch alles, was nicht aus demselben Gebiet, derselben Stadt, Bezirk oder Grätzel kommt. Für meine Landsleute im Süden sind die Moldauer laut und bäurisch, die Siebenbürger langsam und langweilig und die Banater im Westen zu hochnäsig. Wie viele von denen kennen sie? Sie wissen es aber sicher, denn so sagt es der heilige Volksmund.

Fun fact: Wisst ihr, wo der bekannte Ungarnhass in Rumänien am meisten verbreitet ist? Ganz genau, im Süden, wo keine ungarische Seele lebt.

 

Ich weiß jetzt nicht, ob es immer so war und ich es einfach nicht gemerkt habe. Was ich aber weiß, ist, wie einfach man in die Falle des Extremismus tappt, wenn man zu faul ist, für sich selber zu denken.

*Disclaimer: Ich mag nicht verallgemeinern und damit sage ich nicht, dass alle Rumänen solche extremen Auffassungen vertreten. Meinungsfreiheit ist gut, wird aber gefährlich, wenn sie von Menschen missbraucht wird, die keine Ahnung davon haben, worüber sie reden.

 

 

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