Safari in Favoriten

07. Dezember 2015

Viktor-Adler-Markt

Viktor-Adler-Markt
Natalija Stojanovic

Der zehnte Bezirk ist laut Meinungen der umstrittenste Bezirk in ganz Wien. Manche lieben ihn, wie meine Kollegin Jelena berichtet, manche, so wie ich einst, fürchten ihn.

Also gebe ich dem „Türken und Tschuschen“-Viertel eine Chance und begebe mich auf Safari.

 

Vorweg: Mein letzter Besuch in Favoriten liegt über drei Jahre zurück. Damals, frisch in Wien, habe ich mich verfahren und landete am Reumannplatz. Kulturschock für jemanden, der in München aufgewachsen ist. Ich bin verwirrt über die Favoritenstraße gelaufen und habe meinen Bus gesucht. Aus meiner Verzweiflung heraus habe ich Leute auf der Straße nach dem Weg gefragt. Verwirrte Blicke, ein paar Brocken Deutsch und keine Antwort. Langsam habe ich Panik bekommen und die Leute auf Serbisch nach dem 14 A gefragt. Und siehe da: Ich hatte fünf neue Freunde, die mich zum Bus gebracht haben. An der Stelle: Hvala. Aber was passiert, wenn man keine der Landessprachen von Favoriten spricht?

 

 

Sind wir am Bazar?

 

Letzte Woche war ich mit einer waschechten Favoriterin unterwegs. Erster Stopp war im Etsan und ganz ehrlich: Ein bisschen Respekt hatte ich schon. Als ich den Etsan betrat, wusste ich, ich bin im Foodporn-Himmel. Wieso war ich hier nicht schon vorher!?

Von Tomaten, die aus dem Garten meiner Oma sein könnten, über türkische Süßigkeiten, die ich liebe, bis hin zu Getränken, die dich ins Zuckerkoma versetzen, gibt es dort einfach alles. Der wirkliche Schock dann an der Kassa: Für diesen Einkauf hätte ich im Billa meines Vertrauens locker das Doppelte hingelegt.

Fünf Minuten später stehe ich am Viktor-Adler-Markt und packe mein Leben nicht: Das Markttreiben erinnert mich an die Pijaca in meiner Heimatstadt. Vor Freude hole ich mein Handy heraus und mache ein paar Fotos – natürlich ernte ich gleich mal ein paar schiefe Blicke. Alltag im Zehnten – was ist nur los mit mir?

 

 

Foodporn die Zweite

 

Als der Hunger mich überkommt, bin ich noch verwirrter. Was soll ich essen? Kumpir, Cevape, Pide oder doch Burek? Ich entscheide mich für alles.

Als ich im Balkan-Burek auf die Cevape warte, betreten zwanzig Leute den Laden und keiner spricht mit dem Verkäufer Deutsch. Manche Jugo, die anderen Albanisch und das erste Mal fühle ich mich wie ein Svabo in meinem Leben. Optisch passe ich trotz meiner Herkunft nicht so ganz hier rein. Egal, das Essen ist so gut, dass ich mein Svabo-Dasein schnell vergesse.

Als ich auf meine Pide warte, kriege ich türkischen Cay um mir die Zeit zu versüßen. Wow, sowas kenne ich eigentlich nicht.

 

 

Ich komme wieder

 

... war der erste Satz, den ich zu meiner Freundin gesagt habe. Hallo, anscheinend gibt es im Zehnten Schoko-Döner?

Für mich ist Favoriten ab jetzt eine eigene Oase, in die ich mich immer wieder begeben werde, um mein Verlangen nach kulinarischen Schmankerln zu befriedigen.

Und ich weiß: Irgendwann habe ich meine Angst überwunden und werde alleine in Favoriten rumlaufen. Bis dahin bin ich froh, genug Einheimische zu kennen, die mich mit der Kultur vertraut machen.

Mahlzeit!

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