Sehr geehrter Herr Sebastian Kurz

14. Februar 2015

Mir ist bewusst, dass Sie diesen Brief vielleicht nicht lesen werden. Mir ist noch bewusster, dass er Ihnen nichts bedeuten würde, würden Sie ihn lesen. Aber MIR ist er wichtig, denn diese Worte machen mein Herz schwerer und lassen mich kaum schlafen. Um also wieder frei atmen zu können, verfasse ich diesen Brief und hoffe, dass er doch seinen Weg zu Ihnen findet. Da dieser Brief mehr für mich ist, als für Sie, werden Sie in den nächsten Zeilen elegant von mir geduzt.

Als du deine Karriere gestartet hast, wurdest du in den meisten Medien als zu jung und unerfahren beschrieben. Viele Medien warteten nur auf einen Fehler deinerseits, aber du hast dich tüchtig geschlagen. Ich war auf deiner Seite, schlief ruhig, denn ich wusste, die Integration war nun in sicheren Händen. Die Arbeit meiner Eltern und deren Eltern, mein Leben hier als österreichische Muslima, all das würde bald anerkannt werden. Alles würde sich ändern, so dachte ich, denn die ausgelutschten Diskussionen über das Kopftuchtragen, das Leben miteinander statt nebeneinander einer Gesellschaft, all das, es würde aufhören und der Neubeginn, er war ganz nah, so dachte ich...

Ich dachte falsch. Heute gibt es immer noch Diskussionen über das Kopftuchtragen und mehr Hass zwischen den Leuten, die nicht einmal mehr nebeneinander, sondern gegeneinander leben. Es ist schön zu sehen, dass du dich mit vielen Ausländern fotographieren lässt. Wohltat hier und dort, Geld für Aktionen und Projekte, Hashtags die kein Ende nehmen, aber kennst du auch die Namen dieser Menschen, ihre Geschichte? Was haben sie alles getan um herzukommen, und was haben sie getan, um hier bleiben zu dürfen? Ach, das weißt du alles schon? Und warum nennst du sie dann integrationsunwillig?

Weißt du wen du als integrationsunwillig bezeichnest? Ich werde es dir sagen, denn du bezeichnest jeden Vater, der von früh bis spät in der Kälte Zeitungen verkauft, als integrationsunwillig. Seinen Sohn, der ihm nach der Lehrveranstaltung an der Uni hilft, den behandelst du, als sei er verdächtig, weil er fünfmal am Tag betet und sich ab und zu einen Bart wachsen lässt.
Weißt du was harte Arbeit ist? Ja klar, mir ist bewusst, wie hart du arbeitest, aber versuch´ doch einmal zum Spaß in ein Land zu ziehen, das deines als nicht ein „Land der ersten Welt“ kennt. Lerne eine neue Sprache, eine neue Kultur, vergiss, dass du Österreicher bist, leg´ all deine Erinnerungen, deine Familie, deine Kultur und all das Österreichische an dir ab, JETZT, sonst wärst auch du dort integrationsunwillig. Aber aus einem Zufall für den du nichts kannst, lebst du in einem Land, das dies von dir nicht verlangt. Der Grund: Deine Genetik. Sonst nichts.

Meine Genetik ist anders. Mein Vater war Taxifahrer, Kellner und anderes, damit wir durchkommen konnten. Meine Mutter hörte immer die Nachrichten im Radio, um die Sprache zu lernen. Und sie sind kein Einzelfall. Die Mehrheit aller „Ausländer“, die eigentlich hier geborgen wurden, arbeiten hart und leben härter, damit aus ihren Kindern etwas wird, worauf man stolz sein kann. Das wäre doch ein Hashtag wert!

Es gab in meiner Klasse auch oft Österreicher, die die Tafel nicht löschen wollten. Ich wollte die blöde Tafel auch nicht löschen, keiner wollte die verdammte Tafel löschen. Aber damals war es besser, denn immerhin waren wir alle integrationsunwillig. Wir waren alle gleich, jedenfalls gleicher als wir es jetzt sind.

Ich habe Angst. Ich habe Angst Mutter zu werden, weil ich meinen Kindern nicht erklären kann, warum andere Kinder österreicherer sind als sie. Sollte mir vor meinem Kind das Kopftuch heruntergerissen werden, oder mich jemand anspucken, was soll ich in diesem Fall meinem Kind sagen? Was muss ich deiner Meinung nach ablegen, damit die Integration in meiner Heimat besser funktioniert? Das Kopftuch? Aber was ist das für eine Gesellschaft, wenn ein Stückchen Stoff die Sicherheit darin gefährdet?

Die Antwort auf diese Frage kann noch auf sich warten lassen, aber hier ist eine Garantie: Frauen in Österreich, die das Kopftuch tragen werden nicht weniger. Sie werden mehr. Du wirst sie überall sehen, in der U-Bahn, in Universitäten, in Schulen, auf der Straße, in Kaffeehäusern, in Demonstrationen und in Krankenhäusern. Wer weiß, vielleicht hat eine von ihnen eines Tages deine Stelle. 

 

Liebe Grüße,
von einer muslimischen Österreicherin

 

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