Shalom Oida!

09. Oktober 2020

 

Was verbindet uns Menschen eigentlich nationenübergreifend? Genau diese Frage thematisierte der Eröffnungsfilm des Jüdischen Film Festivals „Crescendo“, der das Festival am 7. Oktober zum 29. Mal einläutete. Wie der Titel vermuten lässt, geht es um die verbindende Wirkung von Musik. 

Von Berfin Silen

 

Das Motto des diesjährigen 29. Jüdischen Filmfestivals lautet „Tear Down The Walls!“. Es geht um Mauern und von denen hatten und haben wir viele um uns: Sie reichen von der Berliner Mauer, über Trumps Mauer zu Mexiko bis zur Situation flüchtender Menschen, die uns die Mauern Europas vergegenwärtigen. Diese physischen Mauern kommen aber nicht aus dem Nichts. Sehr oft haben sie psychische Mauern als Fundament: Angst, Intoleranz, Hass. 

In „Crescendo“ soll eine Gruppe Jugendlicher für eine Friedensverhandlungen zwischen israelischen und palästinensischen Diplomaten ein Konzert spielen. Die Zusammenstellung des Jugendorchesters soll auch in diesem Zeichen stehen und aus Israelis und Palästinensern bestehen. Der zuständige Dirigent Eduard Sporck, gespielt von Peter Simonischek, sieht das schon zu Beginn sehr kritisch. Klar, bei den Jahrzehnten andauernden Nahostkonflikt. Der Film zeigt auf eine kontrastreiche Art wie emotional aufgeladen der Konflikt ist; wie lang die Mauern schon aufgezogen sind. Worum es dem Film nicht geht: parteiisch sein. Trotzdem verharmlost er die prekäre Lage besetzter Gebiete auf palästinensischem Boden nicht. Er stellt sich viel mehr die Frage: Wie kann man sich von so lange schwelenden politischen Konflikten distanzieren und im persönlichen einen Anfang Richtung Frieden wagen? Geht das überhaupt? Können wir über politische Konflikte hinwegsehen und erkennen, dass der sogenannte „Feind“ auch nur ein Mensch ist? 

 

„Crescendo“ sagt: „Jain“. 

Was mit Gruppenrangeleien und Vorwürfen beginnt, entwickelt sich, vor allem durch pädagogische Interventionen Sporcks, immer mehr Richtung Zueinander. Die beiden Gruppen kommen sich näher. Sie beginnen miteinander zu reden. Dabei zeigt der Film keine romantisierende Utopie. Die politischen und religiösen Auseinandersetzungen bestehen über den Film hinweg. Der Schlüssel jedoch, das zeigt uns der Film, ist die Kommunikation! Eine der letzten Szenen spielt in einem Flughafenwarteraum. Die beiden Parteien sitzen in verschiedenen Warteräumen. Bis sich auf israelischer Seite der Geiger entscheidet, diesen Zustand zu überwinden. Er beginnt, der Gruppe der Palästinenser zugewandt, hinter der Scheibe Geige zu spielen. Viele tun es ihm gleich und schlussendlich stehen sich beide Gruppen gegenüber und spielen mit- und zueinander. Ihre Sprache ist die Musik. Was sie trennt ist lediglich eine Scheibe. Es ist keine Mauer mehr. Durch eine Scheibe kann man nämlich hindurchsehen. Man sieht einander. Man erkennt, dass Menschen vor einem stehen und nicht eine überdimensionale politische Hand, die all ihre Bewohner in seine feindliche Gesinnung zieht.

Der Film zeigt, dass es Ausnahmen gibt. Doch leider sind verbindende Elemente in unserer Gesellschaft immer noch eher die Ausnahmen. Sich hinter großen Abstraktionen, Vorurteilen und Hass zu verstecken ist einfacher. Mauern einreißen und neue Wege erproben erfordert Mut. Ich weiß es klingt romantisierend, wenn man bedenkt, dass dieser Konflikt tausende Tote verzeichnet. Jedoch glaube ich fest daran, dass uns Liebe, auch in kleinen Gesten, immer weiterbringt. Deswegen hat der Film auch in mir die Mauer meiner zurückgehaltenen Tränen eingerissen. Auf jeden Fall sehenswert für kleine Träumer und Idealisten. Und für alle anderen Realisten unter euch, die mit solchen Träumereien nichts anfangen können, hat das Programm des diesjährigen Jüdischen Filmfestivals auch was zu bieten. 

 

Das Jüdische Filmfestival findet vom 7. – 21. Oktober statt. Weitere Informationen zum Programm finden sich unter: https://www.jfw.at/spielplan

 

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