Sikhs in Österreich: „Wir suchen das Miteinander, das Gemeinsame“.

26. Januar 2021

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Sikh, Obmann, Gursharan Singh Mangat
Foto: Benjamin Jaffery

Wenn Religion in Österreich seinen Weg in die Schlagzeilen findet, dann geschieht dies meist aus negativen Gründen. Allgemein wird Glaube bei uns als etwas Rückschrittliches, Einschränkendes gesehen, der nicht in eine modernen Gesellschaft passt.  Ich habe meine Rechnung ohne Gursharan Singh Mangat gemacht.

Von außen wirkt das Gebäude unscheinbar. Außer einem 30 Meter hohen Fahnenmast deutet wenig daraufhin, dass es sich hier um eine religiöse Einrichtung handelt. Wegen Corona sind alle Aktivitäten eingeschränkt, deswegen treffe ich Gursharan Singh Mangat alleine. Im ersten Stock befindet sich der Gebetssaal, welcher in normalen Zeiten knapp 600 gläubige Sikhs beherbergen kann. Aktuell findet eine Lesung des Sri Guru Granth Sahib statt. Dabei handelt es sich um das heilige Buch der Religion, welches u.a. von sechs der ersten zehn Gurus verfasst wurde. Die Schrift liegt auf einem Altar, welchen vorne ein Sternmuster aus vielen Schwertern ziert. Gursharan Singh Mangat ist gut aufgelegt. Der Mann mit dem freundlichen Lächeln beendet noch kurz sein Gebet, bevor wir uns in einen abgetrennten Bereich begeben. Der Obmann der Sikh Gemeinde Österreich hat sich zu einem Gespräch mit mir bereit erklärt.

Biber: Seit wann sind Sie Obmann des Vereins?

Gursharan Singh Mangat: Seit 2015. Als aktives Mitglied des Campus der Religionen in Aspern wurde die Sikh-Gemeinde Österreich gegründet. Ich führe auch sehr viel interreligiösen Dialog auf dem Campus der Religionen. Daneben bin ich auch Ansprechpartner für alle Sikh. Nicht, weil das mein Beruf ist. Ich lebe den Sikhismus, ich mache das gerne und glaube, dass wir etwas sehr Schönes haben, das es verdient, geteilt zu werden.

Was sind die Grundwerte des Sikhismus?

Die Sikh vertrauen auf einen universellen Gott und verehren den Sri Guru Granth Sahib als den 11.Guru der Sikhs. Gemäß dem Sikhismus manifestiert sich Gott in all seiner Schöpfung, in all der Flora und Fauna unserer Welt. Deswegen haben wir Sikhs auch eine sehr naturverbundene Lebensweise. Neben der Andacht gibt es noch zwei wichtige Säulen, Kirat Karo (Einkunft aus ehrlicher Arbeit) und Vaṇḍ Chakkō (Teilen und Schutz aller Bedürftigen). Letztes drücken wir vor allem durch unsere Gemeinschaftsküche, Langar genannt, aus.

Und zu den Anfängen…kurz abgeklärt, wurden sie in Österreich geboren?

Nein, ich komme aus Uganda und bin 1972 vor der Diktatur Idi Amins nach Österreich geflohen.

Aus Uganda? Aber das liegt doch in Afrika.

Ja, richtig.

Wie ist der Sikhismus dort hin gekommen?

Naja, Uganda war ja früher, genauso wie Indien, eine britische Kolonie. Und damals brauchten die Briten auch viele Arbeiter, die als Bürokräfte oder auch Ingenieure aushalfen. Mein Großvater zum Beispiel war Gerichtsschreiber und so fand meine Familie nach Afrika.

Und seit wann leben die Sikhs in Österreich? Was waren die Anfänge Ihrer Familie in Österreich?

Ich kam 1972 mit meiner Familie nach Österreich, zu der Zeit begann die Community, sich hier zu etablieren. Damals war unsere Gemeinde noch sehr klein, da konnte man die Mitglieder in Wien an zwei Händen abzählen. Wir haben uns noch zuhause organisiert, meine Mutter hat die Predigen geleitet, während andere Familien Essen mitbrachten. Und als uns dann der Platz ausging, haben wir ein Lokal im 5.Bezirk gemietet, das war sozusagen unser erster Tempel. Danach fanden wir ein Grundstück im 22., da sind wir bis heute geblieben.

Was sind die häufigsten Vorurteile gegenüber Sikhs?

Durch das äußere Erscheinungsbild gab es es schon mal Hänseleien in der Schule, aber das hielt sich in Grenzen. Wir wurden meist als Araber tituliert. Viele Menschen dachten, dass wir eine Untergruppe der Muslime oder Hindus seien. Wirklich geändert hat sich das während der Flüchtlingskrise 2015, als wir Essen an Bahnhöfen verteilten. Seitdem fangen die Leute allmählich an, uns als eigenständige Religion wahrzunehmen.

Und ist der Glaube in Wien auch auf andere Art verfestigt? Gibt es Vereine, Lokale oder ähnliches?

Nicht unbedingt. Neben den Vereinen haben wir auch einen Cricketklub, aber ansonsten tritt der Glaube nur durch die Tempel auf. Wir haben auch eine eigene Kampfkunst, Gatka, dafür mieteten wir früher auch einen Saal im 2. Bezirk an, aber das geht ja aktuell leider nicht.

Bei uns hört man ja oft von religiösen Gruppierungen, die versuchen, Einfluss auf die Gesellschaft und die Politik zu nehmen. Was halten Sie von solchen Bestrebungen?

Das wollen wir überhaupt nicht. Wir sind Menschen, die das Miteinander, das Gemeinsame suchen. Daher sind unsere Tempel auch offen für jeden zugänglich.

Vor zwölf Jahren gab es Auseinandersetzungen zwischen den Ravidassia und Sikhs. Das endete in einer Schießerei in einem ihrer Tempel. Wie haben Sie diese Zeit in Erinnerung?

Dazu möchte ich anmerken, dass die Ravidassia sich nicht direkt als Sikh sehen. Sie stehen mehr dem Hindu-Glauben nahe. Und damals gab es schon einen längeren Konflikt, weil die Ravidassia derTradition brachen und begannen, andere Gurus zu verehren.

Wie meinen Sie das?

Man muss wissen, dass es unter den Ravidassia auch eine Spaltung gab. Die einen, welche nach wie vor den Sri Guru Granth Sahib als ihr Oberhaupt sehen und die, die daneben auch andere Gurus verehrt haben. Und für uns ist das Blasphemie, wenn sich ein Lebender auf eine Stufe mit dem Sri Guru Granth Sahib stellt. Das teilten wir so auch mit. Wir versuchten immer, Dialog zu führen. Aber dann haben sich ein paar, man muss sagen Hitzköpfe, dazu entschieden, einer Schießerei im Ravidassia-Tempel im 15. Bezirk anzufangen, wo einer Ihrer Gurus erschossen wurde.

Wie wirkte sich das auf die Gemeinschaft aus?

Es war eine sehr harte Zeit für uns. Die Behörden stellten alle damals unter Generalverdacht, es wurde viel ermittelt. Die Tat wird natürlich von allen verurteilt und abgesehen davon, wir sind Migranten, wir haben eine gewisse Bringschuld. Wir wurden von einem Land aufgenommen, welches uns das Recht gab, unseren Glauben frei von Verfolgung auszuüben. Und deshalb sollten wir auch zum Wohlstand des Landes beitragen.

Wie ist die Lage inzwischen?

Inzwischen ist die Situation entspannter. Die Ravidassia haben, meines Wissens nach, nun auch ihr eigenes Werk, nach welchem sie ihren Glauben ausrichten. Und es gibt trotzdem noch einige, welche zu uns in den Tempel kommen. Da wird keiner schief angeschaut.

Also man versucht trotz aller Umstände, die Grundwerte und Ideen des Sikhismus hochzuleben?

Natürlich.

Zum Schluss noch eine aktuellere Frage: Corona ist immer noch ein brandaktuelles Thema in unserer Welt. Wie wirkt sich die Pandemie auf die Gemeinschaft aus?

Der Tempel läuft mittlerweile auf Sparflamme und auch bei den Gebeten sonntags kommen weit weniger Menschen. Da können wir also die Social-Distancing-Maßnahmen einhalten.

Und hat sich das auch auf Sie persönlich beziehungsweise Ihre Familie ausgewirkt?

Nicht unbedingt. Ich lebe nur 15 Minuten von meiner Arbeit entfernt, mein Sohn studiert im IT-Sektor und meine Tochter unterrichtet Mathematik an der Uni, da gibt es also keine Probleme mit Home Office. Für mich ist nur schwer, das Social Distancing einzuhalten, weil ich den Leuten sonst immer sehr nahestehe (lacht).

Es ist wohl für alle nicht leicht, das mit der Distanz durchgehend aufrechtzuhalten.

Definitiv. Man kann Beziehungen jetzt nicht mehr so pflegen wie früher. Und das hat glaube ich uns alle verändert und viele kommen damit nicht klar. Und dann treffen sie sich auf Demos und verlangen, dass der Staat sich nicht in ihr Privatleben einmischt und demonstrieren ohne Abstand und Maske. Ob das vernünftig ist, ist dann natürlich eine andere Frage.

Haben Sie auch vor, sich gegen Corona impfen lassen?

Ja, definitiv.

Warum?

Wenn die Impfung das hält, was sie verspricht, dann wird nichts dagegensprechen. Natürlich werde ich warten bis ich an der Reihe bin und mich nicht wie so manch ein Bürgermeister vordrängeln.

Und wenn Sie eine Prognose für die Zukunft abgeben müssten, welche wäre das?

Ich bin jemand, der eher von heute auf morgen lebt. Aber wir Sikhs vertrauen in Gott und seinen Willen und dass er sich bei seinen Entscheidungen auch etwas gedacht haben muss.

 

Der Sikhismus ist eine monotheistische Religion. Sie entstand im 15. Jahrhundert in Punjab in Nordindien. Heute hat der Glaube ca. 30 Mio. Mitglieder, wovon über 80% in Indien leben. Für Österreich gibt es keine genauen Statistiken, die Anzahl der hier lebenden Sikhs wird auf zwischen acht und zehn Tausend geschätzt.

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