Statt deutscher Touristen: Werbt doch um die Migranten!

12. Mai 2020

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Foto: Marko Mestrovic
Foto: Marko Mestrovic

Das Werben des österreichischen Bundeskanzlers um deutsche Touristen unterstützt biber-Chefredakteurin Delna Antia-Tatic zwar persönlich sehr, berufsbedingt schlägt sie aber eine andere Strategie vor.

 

Der Bundeskanzler will es, die Hotellerie will es, ich will es. Nur der deutsche Innenminister scheint nicht erpicht, seine Deutschen uns Österreichern hier zum Urlauben zu überlassen. Und jetzt wurden in einer Fleischfabrik in Nordrhein-Westfalen auch noch hunderte Mitarbeiter Covid-positiv getestet – weil die Massenhaltung anscheinend nicht bei Tieren aufhört, sondern osteuropäische Arbeiter auf engstem Raum zusammengepfercht werden. Aber dieses Schlamassel ist ein anderes Thema.

Nach solch einer Meldung vergeht womöglich auch Herrn Kurz und Frau Köstinger der Appetit auf deutsche Urlauber. Insgesamt lässt die deutsche Performance ja zu wünschen übrig. In meinem Heimatland liegt der zentrale Faktor „R“, der die Reproduktion des Virus anzeigt, wieder bei über 1 und ist so hoch wie lang nicht mehr. Was vielleicht nicht nur an Ostern liegt, sondern an deutschen Prioritäten wie Fleisch und Fußball. Will man angesichts dieser „Fahrlässigkeiten“ überhaupt Menschen aus solch einem Land in Österreich reinlassen, frage ich mich also bang. Immerhin stammen meine Eltern aus diesem berüchtigten Bundesland Nordrhein-Westfalen, das halb so groß wie Österreich, aber doppelt so viele Einwohner zählt. Persönlich hoffe ich natürlich, dass meine Mutter nicht ihre Notfallpläne umsetzen muss und per Heckenschere und Floß über die grüne Grenze zu ihrem Enkelkind kommt. Sondern dass der deutsche Innenminister endlich die Risikobewertung unseres österreichischen Kanzlers beherzt. Wie Kurz per Bild-Zeitung verkündet hatte, sei es ja für Deutsche weniger gefährlich nach Österreich zu reisen als für Ostdeutsche nach Nordrhein-Westfalen. Doch wie gesagt, das sind privat motivierte Hoffnungen.

"Wir Migranten sind heuer fix die besseren Deutschen!"

Für Österreichs Tourismuswirtschaft schlage ich eine andere Strategie vor. Und die ist durchaus beruflich motiviert: Liebe Tourismusgebiete, liebe Hotels und Ferienunterkünfte, statt sich um die Deutschen zu scheren, werbt's doch um die Migranten! Um all die österreichischen Mitbürger, die noch nie am Ossiacher See, im Salzkammergut oder auf einem Bauernhof in der Steiermark waren. Durch meine Arbeit bei Biber weiß ich nur zu gut, dass „unsere“ Zielgruppe als Kunden nicht nur unterschätzt wird, sie wird oft auch gar nicht gesehen – und deswegen gar nicht angesprochen. Aber „wir“ sind da! Wir sind konsumfreudig, unternehmungslustig und reisehungrig. Wir wollen Berge erklimmen, an Kühen vorbeiwandern oder mit den Kindern im See planschen. Dass man das in Österreich kann, wissen wir von den Werbeplakaten. Dass auch wir das machen könnten, ist jedoch nicht ganz so klar. Es fehlt die Erfahrung: Wie, was, wohin überhaupt? Denn seit jeher reisen unsere Eltern in den Sommerferien mit uns nach „unten“, ob Bosporus oder Balkan, für uns war Österreich immer nur die Durchfahrtstraße. „Unten“ ist die Familie, das selbst gebaute Haus, das Mittelmeer. Und abseits der großen Ferien machen wir hippe Städtetrips: Istanbul, Paris, Berlin. Als nicht richtiger Österreicher nun richtig in Österreich Urlaub machen, das müssen wir erst kennenlernen.

Wie meine bosnischstämmige Kollegin mir beichtete: Die Schönheit der Berge und Seen in ihrer österreichischen Heimat lernt sie erst kennen, seitdem sie einen österreichischen Freund besitzt. Ihre Mutter hat noch nie in Österreich Urlaub gemacht. Nun, vielleicht ist jetzt die Zeit dazu. Denn Balkanreisen oder Türkeibesuche scheinen derzeit mindestens genauso fraglich wie die Piefkesaga. Von Städtetrips ganz zu schweigen. Mein Vorschlag also an die Tourismusbranchen: Statt vergeblich auf deutsche Gäste zu hoffen, versucht doch eine neue Kundschaft für Euch zu gewinnen. Wir Migranten sind heuer fix die besseren Deutschen: Wir sind da, sprechen Hochdeutsch ohne Unwörter wie „lecker“ zu benützen (ich erwähne das hier zur Sicherheit) und bringen mit unseren Namen trotzdem ein gewisses internationales Flair in euer Gästebuch. Statt Sabine, Thomas und Kai Kohlmann, könntet ihr heuer Sümeyra, Erhan und Sueda Aktas beherbergen. Klingt doch gut, oder? Und nun zur Eigenwerbung, die in diesen Zeiten moralisch durchaus vertretbar ist: Wenn ihr nicht wisst, wie man diese „Aktas & Co“ am Besten erreicht, Biber weiß es und hilft gern.

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