Streng, strenger, polnische Eltern

13. Januar 2020

 

Während die Mutter meines österreichischen Exfreundes mit uns Joints rauchte, gaben mir meine polnischen Eltern nicht mehr als fünf Euro zum Fortgehen. Sonst würde ich mir damit ja noch Drogen kaufen.

 

Privat Natalia Anders Kindheitsfoto Schultüte
Foto: Privat

 

Florian und Caroline freuten sich über eine Vier auf die Matheschularbeit. Ich fürchtete mich bei derselben Note vor enttäuschten Blicken von Mama und Tata (poln. Papa). Auch wusste ich, dass mich im Anschluss ein Nachhilfemarathon mit Jenny, meiner damaligen Nachhilfelehrerin erwartet. Fünf Wochen später bekam ich die nächste Schularbeit meines Hassfachs zurück, freute mich über eine Drei und übermittelte die frohe Botschaft gleich zuhause: ”Super Kochanie (poln. Liebling), dann kannst du bei der nächsten Schularbeit ja endlich eine Zwei oder Eins schreiben!”, so Tata. Ja, meine Eltern sind schwer zufriedenzustellen ….

Mamas/Dziadeks/Tatas Traum weiterleben

2012. Samstagmorgen, Schwimmwettkampf, zu dem mich meine Mutter gezwungen hat, hinzugehen. Sport war und ist nie meine Stärke gewesen, aber meinen Eltern war es wichtig, dass meine Schwester und ich bis wir 16 waren regelmäßig zum Schwimmtraining gehen. Schließlich war Dziadek (poln. Opa) Olympiaschwimmer und wäre mega enttäuscht, wenn seine Nachkommen den den Sport nicht genauso lieben würden wie er. Dass mein Opa vor über fünfzig Jahren einmal bei den Olympischen Spielen mitgeschwommen ist, wird heute noch oft und gerne erzählt. Leider war ich dem Traum von Opa nicht gewachsen und verpasste gleich zwei von drei meiner Starts, weil ich mich mit meinen Freundinnen verquatscht habe. Wer grade was mit wem am laufen hat, fand Mama jedoch weniger interessant und drohte mir, nach dem Wettkampf nicht wie gewohnt zum Mci zu gehen. (Ist zum Glück eh nicht passiert…)

Neben der Schwimmwettkämpfe haben meine kleine Schwester Veronika und ich auch diverse Instrumente ausprobieren müssen, Tanzkurse besucht oder Volleyball und Basketball gespielt. Mama findet nämlich Musik und Ballspiele aufregend. Da Tata täglich Ö1 hört und gerne einen auf intellektuell macht, standen Schreibwerkstätte, wöchentliche Museumsführungen und Malkurse auf dem Programm. Heute kann ich weder im Rhythmus klatschen, noch einen Ball mit beiden Händen fangen, but thanks for trying.

Lügen, Rügen und Angeberei 

2008. Mama holt mich von der Schule ab. Als ich ihr entgegenkomme, spricht sie gerade mit der Mutter meines polnischen Schulkollegen.

“Paweł hat gestern eine Eins auf die Deutschschularbeit geschrieben und die Lehrerin hat ihn in der Sprechstunde nur gelobt”, so Pawełs Mutter. “Natalia und Veronika schwimmen jetzt im besten Verein Wiens, ihre Trainerin meinte sogar, dass sie das Talent im Blut haben. Genauso wie ihr Dziadek, der ja Olympiaschwimmer war (let’s not forget)”, konterte meine Mama. 

Im Auto angekommen fingen dann die Vorwürfe wieder an: “Natalia, wusstest du, dass Paweł eine Eins in Deutsch hat? Ich dachte eigentlich, du wärst das polnische Wunderkind der Schule, wir müssen dich doch nochmal in die Nachhilfe schicken.”

Ganz zu schweigen davon, dass Paweł eine Frühwarnung in Deutsch hatte und meine Schwester und ich zu der Zeit das Schwimmen genauso wie den aufgezwungenen Zitherunterricht hassten. 

Zigaretten, Tumblr und Tatas Prophezeiungen

Doch der Erziehungsstil meiner Eltern hielt nicht ewig. Je älter ich wurde, desto wichtiger waren mir Zigaretten, Tumblr und perfekte Augenbrauen. Als Tata das erste Mal ein Tschickpackerl in meiner Tasche fand, gab er dann komplett auf: “Am besten, wir schicken dich zu Dziadek nach Polen, damit du bei Tesco als Kassiererin arbeitest. Dort kannst du dann gerne deine Marlboro Rot rauchen.”

Selbst nachdem ich ausgezogen bin und angefangen habe zu arbeiten und studieren, änderten sich Mama und Tata nicht. Mittlerweile glaube ich kaum, dass das je passieren wird. 

2018. Sommerurlaub in Polen, Instantcoffeetalk bei Ciocia (poln. Tante).

“Wusstest du schon, dass Natalia den besten Notendurchschnitt ihres Studiengangs, Journalismus, hat?” Ach Mama! Dass ich nicht Journalismus studiere, habe ich ihr schon mindestens zwanzig Mal erzählt. Auch, dass man nicht überprüfen kann, welche*r Student*in die besten Noten schreibt. Ganz zu schweigen davon, dass mein Notendurchschnitt von dem eines/r Einserstudent*in genauso weit entfernt ist, wie Warschau von Wladiwostok. 

2019. Dienstagnachmittag im Dezember. Ich rufe meine Mama an und erzähle ihr stolz, dass ich den Praktikumsplatz bei Biber bekommen habe. “Super Kochanie, aber wann machst du endlich den Führerschein fertig?”

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