Türke oder Kurde? Hauptsache kein Unmensch.

25. Mai 2021

Mein ehemaliger Klassenkamerad hat türkische Wurzeln und er ging davon aus, dass ich eine Türkin bin, weil ich fließend Türkisch reden kann. Mit einem breiten Lächeln lieferte er an einem Schultag die Aussage: „Ne mutlu Türküm diyene“ (Glücklich derjenige, der sich als Türke bezeichnet). Er dachte, dass ich seinen Nationalstolz pushen werde. Sein Lächeln verblasste in einen nachdenkenden Gesichtsausdruck, als ich ihm mit einem strengen Ton geantwortet habe: „Man kann seine Heimat und Kultur lieben, aber auf Staatsgrenzen stolz zu sein, das finde ich sinnlos.“

Ach, das sage ich ja bestimmt nur, weil ich eine landlose Kurdin bin. Nein! Das sage ich, weil meine Seele brennt, wenn ich sehe, dass Menschen einander in erster Linie nicht als Menschen wahrnehmen können. Das sage ich, weil meine Seele brennt, wenn ich sehe, dass Menschen tagtäglich auf verschiedenen Orten unserer Erde wegen ethnischen, religiösen oder politischen Konflikten sterben. Menschen bekennen sich als Feinde. Warum? Wegen Grenzen, die wir Menschen selbst erschaffen haben und als Hindernis wahrnehmen, um friedlich miteinander zu leben.

Heutzutage besteht der Kurden-Türken-Konflikt immer noch. Ich betone: Trotz der lehrreichen Geschichte existieren Nationalstolz, Fremdenhass und Faschismus weiterhin. Denn manche Menschen haben noch immer keine richtigen Lehren aus der blutigen Geschichte gezogen. Die seit Jahren bestehenden gewaltsamen Auseinandersetzungen werden meiner Ansicht nach zu keiner Lösung führen. Denn am Ende sind beide Seiten seelisch ausgedünnt.

Anscheinend haben viele noch immer nicht begriffen, dass man die Herkunftsfrage nicht überbewerten sollte. Sei auf das, was dich als Mensch ausmacht stolz und nicht auf dein Land! Ich trenne Menschen nicht nach ihrer Herkunft, sondern nach Gut und Böse. Mein Blick ist nicht auf die Unterschiede ausgerichtet, die zwischen der türkischen und kurdischen Kultur existieren. Ich liebe beide Kulturen. An einem Tag esse ich türkisches Lahmacun, an einem anderen Tag esse ich kurdisches Zerfet/Babuko. 

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