"Typisch Afghanen halt."

02. Juli 2021

Der Mordfall an der 13-Jährigen Leonie wurde schnell zum Politikum, die Grundlage dafür liegt auf der Hand: Femizid, Integrationspolitik und Abschiebungen. Was passiert mit der Berichterstattung? Drei Lager, keine Lösung.


Wien, Ende Juni: Ein 13-Jähriges Mädchen wird mutmaßlich von drei Afghanischen Staatsbürgern vergewaltigt und dann getötet. 
Es ist der fünfzehnte Frauenmord in Österreich seit Anfang des Jahres. Wir erinnern uns alle an die Abschiebungen Ende Jänner, als Kinder, die teilweise hier geboren und aufgewachsen sind, in die Heimat ihrer Eltern abgeschoben wurden. Zudem kommt das immerwährende Problem der Integration junger Afghanen in Österreich. Was wie ein Vergleich zwischen Äpfel und Birnen klingt ist der Sprengstoff der momentanen politischen Lage in Österreich. Damit geht die Berichterstattung einher. Wir Journalisten kommen nicht drum herum. Die Frage ist nun: Wie tun wir? 
Sollen wir als „Linke“ zaghaft versuchen, das Narrativ der Rechten anzunehmen und dabei maßlos scheitern? Sollen wir auf positive Beispiele aufmerksam machen, und dabei die Betroffenen infantilisieren, in dem wir darüber berichten, dass ein Schützling seine Lehre zum Koch erfolgreich abgeschlossen hat? Ob ein Afghane sich vorbildlich integriert hat – was auch immer das bedeuten soll – und ein anderer jemanden vergewaltigt, gleicht nichts aus, und hat miteinander wenig zu tun. Und weiter: Sollen wir das Thema von Abschiebungen auf Femizide lenken? Sollen wir trocken und faktenbasiert Zahlen liefern, die jeder selbst interpretieren wird? Sollen wir auf die herkunftsbasierte Kriminalität aufmerksam machen? Objektiv geht nicht mehr. 

 


Ich versage in meiner Neutralität als Journalistin


Ich kann auch nicht mehr objektiv bleiben. Wahrscheinlich, weil ich eine Frau bin und bei einem Migranten-Magazin arbeite. Das Thema Kriminalität, Minderheiten und gewaltbereite Migranten-Milieus ist kein Fremdes für mich. Ich habe vieles gesehen, vieles erlebt und darüber geschrieben. Über die Probleme, über die Lösungen, und mir dabei immer zur Aufgabe gemacht, primär den Protagonisten zuzuhören und dann möglichst wertfrei darüber zu berichten. Seien wir uns ehrlich: Jeder Text hat ein Framing. Jeder Satz hat einen Nachgeschmack, jeder Absatz lenkt in eine Richtung. Es ist eine emotionale Causa, auch wir Journalisten sind voreingenommen – durch frühere Erfahrungen und unsere eigene Sozialisierung. Dabei ist es unser Job, differenziert zu berichten. Und ich fühle mich gerade so, als würde ich darin versagen. Genau so, wie die österreichische Politik, genauso, wie zig andere Journalisten. 


„Alle abschieben“ vs. „arm und traumatisiert“

Es scheint, als hätten sich unter Journalisten hierzulande drei Lager gebildet. 
Es gibt die, die nach Antworten und Zuständigen suchen: Wer ist schuld? Wie hätte man das vermeiden können? Wie konnte es so weit kommen? Warum werden Kinder abgeschoben und straffällige Asylwerber nicht? Bringen Integrationskurse was? Aus welcher Motivation heraus haben die mutmaßlichen Täter gehandelt? All diese Fragen werden Leonie nicht wieder zum Leben erwecken. Fakt ist aber: Die Verantwortung wird von Politikern hin- und hergeschoben. Bundeskanzler Kurz und Innenminister Nehammer nutzen diesen Fall, um sich in ihrer Abschiebepolitik bestätigt zu fühlen. 

Dann gibt es die „straffällige Asylwerber sofort abschieben, am besten gleich keinen einzigen Ausländer mehr rein lassen“- Fraktion. 
So einfach ist das nicht. Es ist ein Unterschied, ob jemand im Supermarkt ein Joghurt klaut, oder ob er jemanden umbringt. Dennoch war zumindest einer der mutmaßlichen Täter amts- und polizeibekannt, und trotzdem hat sich das alles irgendwie im Sand verlaufen. 

Dann gibt es noch das Lager, das nach Rechtfertigungen für die Taten ringt: Trauma, Exklusion aus der Gesellschaft, fehlende Anpassungsmöglichkeiten. Das Lager, das nicht müde wird, über positive Beispiele zu berichten, dass ein junger Afghane seine Lehre zum Schlosser erfolgreich abgeschlossen hat und „nicht so wie die anderen ist“. Es hätte nichts mit der Herkunft zu tun, sondern bloß mit dem Geschlecht. Bei Afghanen in Österreich ist die Kriminalitätsbelastung viermal so hoch wie die der durchschnittlichen Bevölkerung, bei Sexualverbrechen sogar zwölfmal, wie eine Studie des IHS ergibt.


„Jo, der war halt besoffen“


Ich kann das alles nicht mehr hören. Wahrscheinlich, weil ich gleichzeitig zu allen drei Lagern gleichzeitig gehöre. Ich bin kein Fan von Pauschalisierungen, aber auch kein Freund davon, Probleme schönzureden. 
In meinem Kopf sind tausende Pfeile, Fragezeichen, Wut, Trauer, Ratlosigkeit. 
Ich denke an alle afghanischen Staatsbürger in Österreich – an die Mehrheit, die mit Kriminalität nichts zu tun hat. Die Menschen, die jetzt um ihren Asylstatus zittern müssen, die jetzt noch zehnmal mehr beweisen müssen, dass sie „nicht so sind.“ 
Gleichzeitig werde und kann ich nicht verleugnen, dass es nicht sein kann, dass eine Volksgruppe mit einem höchst problematischen Frauenbild nicht grundlos ständig negativ in den Schlagzeilen auffällt. Trauma hin oder her, wer wirklich traumatisiert ist, sind die Opfer und ihre Familien. 
Ich denke an alle Familien, die ohne zureichenden Grund abgeschoben wurden, und jetzt zusehen, wie diese Ausschlachtung der Asylpolitik auf ihrem Rücken ausgetragen wird. 
Ich denke an alle Frauen, die dieses Jahr Femiziden zum Opfer gefallen sind, und an ihre Hinterbliebenen. An alle, die sich den Kopf darüber zerbrechen, warum diese Fälle medial keinen so großen Aufschrei bekommen haben wie jetzt, wenn die Täter keine Österreicher sind. Warum bei österreichischen Tätern die Rede von einem Beziehungsdrama ist und der Tenor „Jo, der war halt besoffen“ lautet, während in diesem Fall wieder von der Islamismus- und Überfremdung-Schiene geschrien wird. Kein Mann, der sexualisierte Gewalt an einer Frau ausübt, hat irgendwelche Werte - ob "unsere" oder "fremde." 
Tausende Gedanken, keine Lösung. Das Rad wird sich weiterdrehen. Es wird Zuspruch von rechts, Zuspruch von links geben. Die Debatte wird bald wieder verstummen, und bei der nächsten Gelegenheit von neu aufflammen. Und weiterhin werden alle hinter vorgehaltener Hand flüstern „typisch Afghanen halt.“ 

 

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