Verschwörungstheorien sind bequem

22. Dezember 2016

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Gesellschaft Politik Diskurs Gastkommentar Meinung Attentat Jihadismus Berlin Muslime Islam
Raphael Vörösmarty

Ein Gastkommentar vom Politikwissenschaftler Rami Ali über immer wiederkehrende Verschwörungstheorien nach Attentaten und den alltäglichen Rechtfertigungsdruck innerhalb der muslimischen Community in Österreich.

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So, jetzt haben wir genug gescherzt und kritisiert. Wird mal wieder Zeit, uns die Sache mit dem Ausweis etwas nüchterner anzuschauen, fern von Verschwörungstheorien und wilden Vermutungen. Diese stellen uns nämlich auf eine Stufe mit den „besorgten BürgerInnen“.

Fakt ist, wenn sich der Verdacht erhärtet und Anis Amri das wirklich war, ein mehrfach vorbestrafter, höchstwahrscheinlich im Gefängnis radikalisierter Mensch, dann müssen wir davon ausgehen, dass er jihadistisches Gedankengut aufgesaugt hat, sonst wäre eine solche Tat nicht möglich gewesen. Wer sich auch nur ein bisschen mit Jihadismus auskennt, der weiß, dass es diesen Menschen sehr wohl um eindeutige Identifizierung geht. Viele machen den Fehler davon auszugehen, es wäre ein einfacher Krimineller, der nach seiner Tat unerkannt bleiben möchte. Eigentlich ein logischer und nachvollziehbarer Gedankengang. Bei Jihadisten ist dem aber nicht so. Ihre Taten werden in jihadistischen Kreisen gelobt, ihr Name wird gepriesen und ganz wichtig, um die Familienangehörigen wird sich in vielen Fällen -sofern diese das akzeptieren - gekümmert. Als Märtyrer (arab. Shahid) zu sterben ist in der jihadistischen Denke nicht nur eine Garantie für das Paradies, vielmehr ist es in diesen Kreisen auch mit einem sozialen Aufstieg und Image für die Familie verbunden. Ob die Familie das überhaupt will, ist eine andere Frage, in diesem Fall beispielsweise hat sich der Bruder Amris öffentlich an seinen Bruder gewandt und ihn darum gebeten, sich zu stellen. Mit dem Zusatz, dass, sollte er dies wirklich gewesen sein, sich die Familie von ihm lossagt.
Zusammenfassend haben Jihadisten also nicht nur einen plausiblen Grund, nach der Tat identifizierbar zu sein. Hinzu kommt, dass Amri ein Geduldeter war. Jeder, der sich mit Asylverfahren und dergleichen auskennt, weiß, was passiert, wenn diese Menschen ihre Duldungspapiere nicht mitführen. Auch nicht sehr zielführend, wenn ich auf dem Weg bin ein Attentat zu vollstrecken, dann von der Polizei inhaftiert zu werden.

 

False Flag Aktionen?

Ich weiß, ich weiß, gesunde Skepsis ist allemal berechtigt. Was wir aber nicht machen dürfen, ist uns zu sehr von alten Ereignissen leiten zu lassen a la "immer wird ein Ausweis vergessen". Die logische Schlussfolgerung der Anschuldigungen, die jetzt nämlich in Richtung der deutschen Polizei gehen, lassen nur eine Schlussfolgerung zu: False Flag Aktion, mit Deutschland als Drahtzieher. Das ist dann doch zu viel des Guten, meint ihr nicht?

Aber warum hat die Polizei dann so lange gebraucht, um den Ausweis zu finden?
Bitte fragt jeden seriösen Kriminalbeamten und er wird euch diese Frage beantworten. Abgesehen davon, dass der Fall von der Berliner Polizei ans BKA übergeben wurde, gehe ich davon aus, dass der Ausweis schon am ersten Tag gefunden wurde. Es ist nicht die Pflicht der Polizei, die Öffentlichkeit über den Ermittlungsstand zu informieren. Vor allem dann nicht, wenn diese Öffentlichkeit eigentlich unerwünscht ist und die Arbeit der Polizei behindern würde. Das BKA hat schon signalisiert, dass ihnen die Öffentlichkeit, die Amri bekommen hat, missfällt. Das ist meiner Meinung nach auch vollkommen nachvollziehbar. Es ist einfacher, jemanden zu finden, der sich nicht von der gesamten Welt gesucht fühlt. Es ist auch einfacher, den Prinzipien eines Rechtsstaates treu zu bleiben, wenn nicht jeder zweite Aggressionen gegen den Täter hegt und schwört "ihn umzubringen" wenn er/sie ihn auf offener Straße sieht. Vor allem ist es nicht im Sinne des gesellschaftlichen Klimas, direkt solche Informationen auszuposaunen, das befeuert lediglich rechtspopulistische und hetzerische Diskurse gegen MigrantInnen. Ich weiß nicht, ob die Polizei die Informationen überhaupt kommuniziert hätte, wäre der mediale und gesellschaftliche Druck nicht so groß gewesen. Was ich sagen möchte, ist, dass die Polizei allen Grund hat, nicht live vom Ermittlungsstand zu berichten. Aus strategischen, gesellschaftlichen und politischen Gründen.

Alltäglicher Rechtfertigungsdruck

An alle, die nach wie vor finden, ich hätte keine Ahnung und dass alles glasklar sei: Verschwörungstheorien sind bequem. Sie erlauben uns, komplexe Realitäten zu vereinfachen und sie so zu verstehen. Dasselbe machen übrigens auch extremistische Ideologien. Nämlich eine Einteilung der Welt in Gut und Böse. Versuchen wir nicht, unseren Emotionen Überhand zu gewähren. Ja ich weiß, als Muslim/Muslima hat man es im Zuge solche Debatten nicht leicht. Die einen verlangen, man müsse sich davon distanzieren. Die anderen wollen uns erklären, dass in uns allen ein kleiner Terrorist schlummert, der nur darauf wartet, die Lugner City in die Luft zu sprengen (jetzt ohne Katzi, oder Bambi, wie heißt die Neue?) Und wir stehen da, haben einen Islam gelernt, der Liebe, Solidarität und Zuneigung bedeutet. Der uns lehrt, stets rechtschaffene Menschen zu sein, Mitmenschen gegenüber - unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit - gutmütig zu sein. Selbstverständlich ist unsere erste Reaktion dann: "Das hat nichts mit dem Islam zu tun". Man muss sich ja sonst auch 15x am Tag erklären, den Islam verteidigen, vielleicht das eigene Kopftuch, oder warum man keinen Alkohol trinkt, oder warum man es doch tut, sich aber nach wie vor als Muslim sieht. Es ist genau dieser Rechtfertigungsdruck, der mitunter dazu führt, dass wir permanent in einer Verteidigungsposition stecken und versuchen, alles abzuwehren, was uns und/oder den Islam in einem schlechten Licht dastehen lassen könnte. Schon allein dieser Reflex ist Indiz dafür, dass wir fern von jeglicher radikaler Auslegung der heiligen Schriften sind. Denn wir können nicht nachvollziehen, wie jemand sich auf den Islam berufen kann und dennoch so etwas machen kann. Wir glauben an einen friedlichen Islam, wie die absolute Mehrheit der MuslimInnen, und wollen dementsprechend, dass unsere Mitmenschen uns und unsere Religion nicht missverstehen. Schließlich ist gegenseitiges Verständnis der Schlüssel für ein gutes Miteinander.
Wenn wir aber bei diesem Reflex dazu übergehen, einfache Erklärungen für komplizierte Sachverhalte zu präsentieren und uns in Verschwörungstheorien verstricken, schießen wir nicht nur uns selbst ins Bein, sondern stellen uns auf eine Ebene mit allen, die etwa meinen, dass in 50 Jahren 90% der Weltbevölkerung Muhammed heißen werden und zur Einbürgerung in ein Land der Verzehr von fünf Dönern und drei Ayran Pflicht ist. Islamisierung eben.

Es gibt ihn, institutionalisierten Rassismus. Es gibt einen Anstieg an islamfeindlichen Übergriffen. Es gibt eine gewisse Tendenz innerhalb der Gesellschaft. Wir spüren das und wir sehen das. Die Frage ist nicht, ob es das alles gibt, lediglich wie wir damit umgehen, als MuslimInnen und als Teil dieser Gesellschaft.

 

 

Rami Ali hat Politik- und Islamwissenschaften studiert und ist Trainer und Vortragender. Er war bis 2016 am Institut für Islamische Studien der Universität Wien tätig und arbeitet aktuell in der Jugend- und Erwachsenenbildung, der Flüchtlingsarbeit und der Extremismusprävention. Er ist außerdem Co-Founder von Politikos, einer Plattform für politische Partizipation und lösungsorientierte Politik.
Rami Ali war bis Anfang 2016 als Trainer in der Beratungsstelle Extremismus beim Ministerium für Familie und Jugend tätig und hat Interventionsgespräche mit radikalisierten Jugendlichen durchgeführt. Im Moment arbeitet er bei der Caritas im Projekt Kompa und ZusammenReden mit und führt zahlreiche Workshops zu unterschiedlichen Themen durch. Innerhalb der Caritas ist er für die Fortbildungen & Beratungen rund um den Themenkomplex Islam zuständig.
Zu seinen Schwerpunkten zählen u.a. Islam, Radikalisierung & Prävention, Demokratie, Diversität, Gleichstellung,Anti-Sexismus & Anti-Rassismus sowie weitere (politische) Themen des arabisch-islamischen Raumes.



 

 

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