Warum ich mich als Afghane über das Abschiebungsurteil nicht freue

03. August 2021

Heute hat der europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg entschieden, dass Abschiebungen nach Afghanistan nicht rechtens sind und deshalb ausgesetzt werden müssen. Als Grund wird die Sicherheitslage in meinem Heimatland angegeben. Das erklärte die Deserteurs- und Flüchtlingsberatung auf Anfrage von Puls24. Auch das für Abschiebungen zuständige Innenministerium bestätigte die Entscheidung des Gerichts in Straßburg.

Diese Schlagzeile hat mich wie ein Blitz getroffen, weil ich selbst Afghane bin, der sich mitten im Asylprozess befindet. Zu Lachen ist mir trotzdem nicht zumute. Meine Eltern leben in der Stadt Herat, die erst vor zwei Tagen unter starkem Beschuss der Talibantruppen stand.

Die Taliban haben in Herat jüngst Flyer verteilt. Auf denen stand die Aufforderung an jeden Haushalt, Mädchen und Frauen zwischen 15 und 45 Jahren an die Taliban zu übergeben, damit sie verheiratet und in eine islamische Schule gebracht werden. Jede Familie muss dazu einen Mann „opfern“, der zukünftig dann für die Taliban kämpft, mordet und vergewaltigt. Alles, um den Willen Allahs zu erfüllen, steht abschließend auf dem Flyer.

Flyer, Taliban, Afghanistan

Je schlimmer die Lage dort wird, desto mehr muss ich mich um das Leben meiner Eltern fürchten. Paradoxerweise kommt die vermehrte Gewalt und das Blutvergießen in Afghanistan dem positiven Ausgang meines Asylverfahrens zugute. Mein Herz schmerzt und zerbricht in zwei Teile. Ich will in Sicherheit in Österreich leben und meine Zukunft hier aufbauen, möchte auf der anderen Seite aber, dass es meiner Mutter und meinem Vater gut geht und ihnen nichts geschieht.

Es tut echt weh zu sehen und hören, was dort gerade passiert.

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