Warum Verschwörungstheoretiker wie Xavier Naidoo und Attila Hildmann auf Telegram nicht ungefährlich sind.

29. März 2021

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Attila Hildmann auf einer Anti-Corona Demo in Berlin
Foto: Kay Nietfeld / dpa / picturedesk.com

Sonntagmorgen: Die deutsche Schauspielerin und Moderatorin Visa Vie, bürgerlich Charlotte Mellahn, löst mit einer Instagram-Story eine Lawine los, die längst überfällig war: Sie zeigt öffentlich auf, was seit Monaten auf dem Nachrichtendienst Telegram kursiert: Rechtes Gedankengut, das dort unter dem falschen Gefühl von Sicherheit geteilt wird. Ganz vorne mit dabei: der Soulsänger Xavier Naidoo, der Vegankoch Attila Hildmann und Schlagersänger Michael Wendler.

 

Von Impfkritik bis zur neuen Weltordnung 

Visa Vie hat in ihren Postings zu den Gefahren auf den Telegram-Kanälen von Xavier Naidoo, Attila Hildmann und Co. nicht untertrieben. Ich wollte mir selbst ein Bild davon machen. Auf den Telegram-Kanälen lassen sich schnell die Daten zu neuen Corona-Demos in Deutschland und zahlreiche Abbildungen von Hakenkreuzen in den Grüppchen - vor allem auf Attila Hildmanns Kanal - finden. Blanker Rechtsterrorismus für jeden rasch zugänglich, ein Beitritt ist für das Verfolgen der Gruppen nicht mal notwendig. Eine weitere skurrile Tatsache ist der offene Rassismus, welcher trotz der türkischen Wurzeln Hildmanns bzw. der indischen Wurzeln Naidoos verbreitet wird. Laut Xavier Naidoo sei die BLM-Bewegung demokratiefeindlich. Relativierung von Anti-Schwarzem Rassismus und Sklavenhandel ist auf Naidoos Kanal Gang und Gäbe. Verharmlosung des N- und Z-Worts ist auch auf Telegram zum Standard geworden. An dieser Stelle möchte ich erinnern, dass Schlagerstar Michael Wendler vor nicht allzu langer Zeit auch in den "Mainstream Medien", der WDR Sendung “Die letzte Instanz", dabei erwischt wurde, das Z-Wort benutzt zu haben. Hat er da etwa den WDR mit seinem Telegram-Kanal verwechselt? Hat der WDR nichts von Wendlers Telegram Aktivitäten vor der Skandalsendung gewusst? Wohl kaum. Ab und zu werden von den Inhabern der Kanäle zwischen den antisemitischen und rechtsradikalen Postings auch ein “Einen guten Abend an alle (Herz-Emoji)” und ein Bild des Sonnenuntergangs eingeworfen. Parasoziale Interaktion: Ein Versuch, die Follower emotional an sich zu binden. Die Nachrichten kommen fast schon im Minutentakt, es ähnelt einer Nachrichtenseite. 

Ich öffne eine Sprachnachricht, die der Schlagerstar Michael Wendler auf seinem Telegramkanal gepostet hat. “Einen schönen guten Morgen aus den USA heute, […] die Regierung bereitet sich mit großen Schritten auf das satanische Endgame vor”. Auffallend ist hier, dass er sich den Zuhörern mit höchster Höflichkeit zuwendet, während man alle andere als “satanistisch, teuflisch und höllisch” degradiert. Ich bekomme das Gefühl, ich befände mich im Fegefeuer auf Erden und Möchtegern-Promis verkaufen sich als Messias. Die Krux dabei: Sie verbreiten hochgradig gefährliche Verschwörungstheorien und betreiben rigorose Wiederbetätigung, von Heilsbringung fehlt hier jede Spur. 

 

Parallelwelt: Telegram 

Allein im September letzten Jahres gab es 17 Millionen Telegram-Downloads weltweit. Auch zu Jahresanfang galt Telegram als gute Alternative zu WhatsApp, die ihre Nutzungsbedingung änderten. Nur so am Rande: Telegram-Nachrichten sind auch nicht sicher vor Dritten, niemand weiß genau wie die Nachrichtenverschlüsselung des russischen Nachrichtendienstes im Hintergrund stattfindet. Neben dem Unwissen über Telegrams Verschlüsselungsmethode ist außerdem unklar, wo die Entwickler ihren Sitz haben. Meistens wird Dubai angegeben, sucht man jedoch nach der Adresse des Telegrambüros, wird man nicht fündig. Dubios: eine Untertreibung. Was Telegram so attraktiv für viele macht, sind die Kanal- und Gruppen-Features. Bis zu 200.000 Personen können einer Gruppe beitreten. Hier tummeln sich die Verschwörungsmythen. Bis jetzt gab es viele staatliche Versuche, den Messengerdienst zu regulieren, alles vergebens. Der Grund: Telegram versteht sich als Messenger und nicht als Online-Plattform, deshalb werden die meisten Inhalte auf Telegram nicht zensiert. Für Telegram gelten die E-Commerce-Richtlinien, das heißt, die Entwickler sind selbst für die Inhalte zuständig. Erst durch öffentlichen Nachdruck wurden vereinzelt Kanäle gesperrt, wie 2015 die einer IS-Sympathisanten-Gruppe. Bislang wurden die Inhalte, die Vegankoch Attila Hildmann oder Soulsänger Xavier Naidoo geteilt haben, lediglich belächelt. Nun zählen ihre Kanäle zusammengerechnet bis zu 300.000 Abonnenten. Was sich auf Telegram abspielt darf nicht mehr nur als ein “Meme” gelten. Diese Kanäle gehören gründlichst kontrolliert und vor allem gesperrt. Wiederbetätigung und rechtes Gedankengut bleiben Wiederbetätigung und rechtes Gedankengut, auch wenn diese durch verschlüsselte Nachrichten verbreitet werden. 

 

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