„Wer will schon Drogen anbieten?“ – Alkoholverbot in türkischen Lokalen

31. Mai 2017

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Unsplash: Eaters Collective Photography
Unsplash: Eaters Collective Photography

Insgesamt 13 türkische Lokale, darunter Restaurants und Shisha Lounges, haben wir zum Thema Alkohol befragt. Von einem unerwarteten „Raus mit Euch!“ bis zu einem herzlichen „Trinkt was mit mir!“, war alles dabei.

„Bieten Sie Alkohol an und wie stehen Sie zum kürzlich beschlossenen Alkoholverbot des türkischen Restaurants Etap in Ottakring?“, wollen wir von türkischen Lokalen in Wien wissen. Auf unserer Umfrageliste stehen acht Speiselokale, darunter das Türkis, Müldür, Diwan, Saphire, Liman, Hasir, Lale und Kent. Die Mehrheit ist sich einig: „Der neue Betreiber des Etaps soll machen, was er will. Es ist seine Sache. Wir leben in einer Demokratie und da sollte so etwas geachtet werden.“

„Selam“

Zu den Mitarbeitern der vielen türkischen Restaurants kann ich persönlich leider kein Vertrauen aufbauen. Die Angestellten stehen uns anfangs vorsichtig gegenüber. Ein „Selam“ meiner austro-türkischen biber-Kollegin Mine reicht aber aus, dass sie sich uns öffnen. Viele der Gespräche werden auf Türkisch geführt, um die Befragten zum Sprechen zu bewegen. „Das ist sowas von unnötig. In der Gastronomie ist es unvorstellbar ohne Alkohol. Der Neue des Etaps wird’s anfangs nicht so arg spüren, auf langfristiger Sicht schon. Sich so etwas hier zu leisten, ist ein totales No-Go! Bitte, wir leben in Österreich.“, geben u. a. die Mitarbeiterinnen des Müldür und Liman klipp und klar von sich.

Da es in den letzten Jahren vor allem in Wien zu einem regelrechten Shisha-Bar-Boom kam, wollen wir wissen, wie die jungen Leute zum Alkoholthema stehen. Wir besuchen das Chillex, Efendis, Berfin und Xtanbul.

„Trinkt was mit mir!“

Als „alternativ linksgesinnt“ bezeichnen sich die Geschäftsführer des Berfins, so auch das Konzept ihrer Wohlfühloase. Viele Hipster und Bobos fallen mir dort auf.

„Wie ihr sehen könnt, ist unser Klientel anders. 99 % sind Österreicher. Natürlich bieten wir Alkohol an. Alkoholstopp? So etwas können wir nicht bringen“, erklärt uns der stellvertretende Geschäftsführer. Zum Verbot von Etap meint er: „Es wurde extrem medial aufgebauscht – was nicht sein sollte. Es gibt so viele andere türkische Lokale, die seit Jahren keinen Alkohol mehr anbieten. Von denen berichtet natürlich keiner. Der neue Etap-Besitzer ist ein guter Freund von mir.“ Der Geschäftsführer des Etaps entschied sich bewusst dazu, um ausgegrenzte Muslime anzusprechen, in erster Linie also aus wirtschaftlichen Gründen.

„Wie schmeckt dir denn dein Cocktail?“, frage ich den Stellvertreter, der gerade an seiner Wasserpfeife mit Apfelgeschmack zog. „Den kann ich euch nur weiterempfehlen. Kommt, trinkt was mit mir. Ich lad’ euch ein!“ Bevor wir gehen, schiebt er noch eine scherzhafte Bemerkung: „Wir überlegen uns dann schon drei Mal, ob wir zum Etap essen gehen, da unser ganzer Freundeskreis Bier, Wein & Co. offen gegenübersteht. Der nimmt uns Liberalen das aber gar nicht übel.“

„Raus mit euch!“

Bei unserem nächsten Stopp halten wir bei einer vor allem unter Swaggern geschätzten Shisha-Bar, dem Efendis, an. Als der Inhaber hört, wer wir sind, schreit er sofort darauf los:  „Was wollt ihr hier? Ihr Journalisten zieht uns Türken in den Dreck. Ständig Etap, Alkohol, Etap, Alkohol. Kein gutes Haar lässt ihr an uns. Ich will nichts mehr hören, raus mit euch!“

„Super, da machen wir mit!“

Als meine Kollegin kurzfristig weg muss, versuche ich das Xtanbul im 21. Bezirk allein abzuklappern, die letzte Shisha-Lounge auf unserer Liste. Dort frage ich einen Mitarbeiter, der gerade schwere Getränkekisten schleppt. „Leider bieten wir noch Alkohol an. Das wird aber gar nicht mehr von unseren Gästen verlangt.“, sagt er. Er schwärmt vom Alkoholverzicht des Etaps: „Das ist super und vorbildlich. Da machen wir sehr bald mit.“

„Wer will schon Drogen anbieten?“

Nahe des Wiener Brunnenmarkts treffen wir auf einen nicht alkoholausschenkenden Shisha-Betreiber, das Efsane: „Wer will schon Drogen anbieten? In der Türkei wird oft kein Alkohol ausgeschenkt. Das juckt auch niemanden!“, argumentiert händefuchtelnd die Vertretung. Er berichtet von „nicht zahlungswilligen Kunden“, die sich mit Absicht davor „ansaufen“ und dann ins Shisha-Geschäft kommen und auf Rambazamba aus sind. Keinen Alkohol anzubieten, ist ihm nach erstrebenswert, Stress der nicht so gern gesehenen Störenfriede wird damit vermieden.

 

Auf der Tour bekamen wir aus den unterschiedlichsten Lokalen die unterschiedlichsten Meinungen zu hören – eh klar! Doch was auffällt: Die Gastronomen orientieren sich an den Wünschen der Gäste. „Manche haben mein Geschäft fluchtartig verlassen, weil ich Alkohol anbiete“, erzählt uns der Besitzer einer Shisha-Bar im 15ten. Von diesen Gästen profitieren nun eben Lokale wie das Etap – so funktioniert das Business halt.

 

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