Wie ich zu einer Terrorgefahr gemacht wurde

01. Februar 2017

An einem warmen Spätsommertag, vor ungefähr 20 Jahren, wurde ich in Wien geboren. Genauer gesagt im Wilhelminenspital, Ottakring. Als erstes Kind meiner Eltern, die aus dem Iran immigriert sind, wurde ich mit Geschenken nahezu überschüttet. Zusätzlich bekam ich noch ein ganz besonderes ,,Geschenk’’. Etwas, was ich wohl nie in meinem Leben werde ablegen können. Die iranische Staatsbürgerschaft. Und genau diese macht mich seit wenigen Tagen zu einer potentiellen Terrorgefahr.

Muslime raus

Vor drei Tagen, an einem Samstagmittag, erreichte mich die Nachricht: ,,Trump erlässt Einreisestopp für viele Muslime’’. Er hat sein Wahlversprechen nun doch eingelöst. Menschen aus insgesamt sieben Ländern, mehrheitlich muslimisch, dürfen nicht in die USA einreisen. Als ich die Liste sehe, wird mir schlecht. Soso, der Iran, von dem noch nie ein Terroranschlag ausgegangen ist, steht auf der Liste. Aber was ist mit Ägypten? Libanon? Den Saudis? Kein Verbot für diese Länder also. Davon sind zu diesem Zeitpunkt nicht nur Flüchtlinge, sondern auch Greencard-Besitzer und Menschen mit doppelter Staatsbürgerschaft betroffen. Ich lese von einer iranischen Universitätsprofessorin, die in den USA unterrichtet und gerade ihre Eltern besuchen war. Auch sie kann nicht mehr zurück zu ihrer Wohnung, ihrem Hund, ihrem Leben. Zahlreiche weitere Menschen aus diesen sieben Ländern können nicht zurück. Mir kommen die Tränen, als ich das Zeit im Bild-Video von einem Mann am Flughafen sehe, dessen Bruder gerade abgeschoben wurde. Der österreichische DJ Mosaken oder die deutsche Komikerin Enissa Amani müssen ihre Shows in den USA abblasen. Warum? Weil sie auch die iranische Staatsbürgerschaft besitzen. Erst da dämmert es mir, dass ich auch betroffen bin.

Zwei Staatsbürgerschaften

Vor genau 30 Jahren bekam mein Vater die österreichische Staatsbürgerschaft. Damals lebte er mittlerweile seit zehn Jahren in Wien, studierte und arbeitete hier. Laut dem österreichischen Gesetz dürfte er nur eine Staatsbürgerschaft besitzen, hätte also seinen iranischen Pass abgeben müssen. Doch das wird er nie können. Der Iran lässt niemanden seine Staatsbürgerschaft abgeben. Einmal Iraner, immer Iraner also. In Österreich muss man dann die Bestätigung abgeben, dass man versucht hat, seine alte Staatsbürgerschaft loszuwerden, aber es nicht funktioniert hat. Frauenfreundlich wie das iranische Regime ist, wird, wenn der Vater (bei der Mutter ist es egal) Iraner ist, auch den Kindern der iranische Pass überreicht. So habe auch ich zwei Staatsbürgerschaften. Beschwert darüber habe ich mich noch nie. Zwar musste ich schon als kleines Kind mit Kopftuch dafür posieren, aber sonst brachte mir die zusätzliche Staatsbürgerschaft nie Probleme. Im Gegenteil: Durch sie kann ich in den Iran reisen, ohne ein Visum zu beantragen. Ganz praktisch also. Bis Trump kam.

Auch ich werde zur Terrorgefahr

Dieser macht also auch mich zu einer potentiellen Terrorgefahr. Mich, die Deutsch besser als ihre Muttersprache spricht, die konfessionslos ist und nicht einmal eine Sure richtig aufsagen könnte. Alle, die das Einreiseverbot betrifft, werden unter Generalverdacht gestellt, die Sicherheit der USA gefährden zu wollen. Bei derartigen Nachrichten weiß ich nicht, ob ich über diese Absurdität lachen oder weinen soll. Lachen, weil Trump durch solche Aktionen immer mehr Menschen gegen sich aufbringt, oder weinen, weil so viele unschuldige Menschen zu Verbrechern gemacht werden. Weil jetzt genau die Menschen, die in den USA Frieden und Freiheit gesucht haben, eingeschränkt werden. Dann lese ich Kommentare wie: ,,Es sind eh nur 90 Tage‘‘ oder ,,Es wird schlimmer dargestellt als es wirklich ist‘‘. Diskriminierung ist eine der schlimmsten Sachen, die einem als Mensch passieren kann. Dabei spielt es keine Rolle, ob dies für drei Stunden, drei Monate oder drei Jahre stattfindet. Es tut weh. Man fühlt sich in seinem tiefsten Inneren beleidigt, da man für etwas bestraft wird, für das man rein gar nichts kann. Da es irrational ist und  zu nichts führt, außer, dass viele unschuldige Menschen unter Generalverdacht gestellt werden. Da man Angst bekommt, dass dies nur der Anfang ist und es schlimmer werden könnte.

In solchen Momenten erinnere ich mich gerne an die Worte meiner Mutter, als wir das letzte Mal im Iran waren: ,,Ich vermisse den Iran schon, doch ich würde meine Freiheit im Westen niemals dagegen eintauschen wollen.‘‘ Ich hoffe, dies wird so bleiben.

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Kommentare

 

Länder auf der Liste der vom Einreiseverbot betroffenen muslimischen Länder wurden im unter der Administration von B. Obama vom U.S. Department of State herausgebrauchte Country Report on Terrorism im Kapitel 5 als Terrorist Safe Havens für die Regionen Afrika und Mittlerer Osten aufgeführt (Somalia, Irak, Libyen und Jemen). Die anderen drei, Iran, Sudan und Syrien, werden im Bericht sogar als State Sponsors of Terrorism geführt. Der Report hebt dazu die gute Zusammenarbeit mit einer Vielzahl von Ländern bei der Bekämpfung des Terrorismus hervor. Über Saudi-Arabien steht im Bericht: "Saudi Arabia continued to maintain a vigorous counterterrorism relationship with the United States, supported enhanced bilateral cooperation to ensure the safety of both U.S. and Saudi citizens within Saudi territories and abroad, and was an active participant in the Global Coalition to Counter ISIL." Über Pakistan schreibt der Bericht: "Pakistan remained a critical counterterrorism partner in 2015". Die Regierungen von Afghanistan, Pakistan und Saudi-Arabien wurden schon unter B. Obama als Partner im Kampf gegen den Terrorismus gesehen. Man kann unterstellen, dass D. Trump willkürlich eine Liste mit Ländern zusammengestellt hat, über die er einen Einreisestopp verfügt. Vielleicht hat aber auch der noch unter B. Obama erstellte "Country Report on Terrorism 2015" bei der Festlegung der Auswahl eine Rolle gespielt.

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