Wie Jašar Ahmedovski meine Selbstzweifel verschwinden lies

31. Mai 2022

Ein Gemeindebauhof, viele Tränen und ein Ex-Yu Sänger. Was sich beim Lesen wie der Opener eines schlechten Jugofilms anhört, war für mich die reinste Therapie.

„Wieso bin ich nicht einfach ich selbst?“ mit diesem Gedanken im Kopf mache ich mich auf den Weg in einen Gemeindebauhof meines Vertrauens. Durch meine Kopfhörer läuft ein melancholischer Song von Jašar Ahmedovski. „Isplači se, biće ti lakše“ heißt das Meisterwerk, das so viel wie „Wein dich aus, danach geht’s dir besser“ bedeutet. Passend zu meiner Stimmung.  Mich plagen nämlich nun seit zwei Wochen pessimistische Gedanken und Selbstzweifel. „Bin ich gut genug? War die Coverstory vielleicht nur ein Glückstreffer? Vielleicht nur ein One-Hit-Wonder?“ Ständig wiederholen sich dieselben Sprüche in meinem Kopf wie bei einem kaputten Plattenspieler. Um dem melodramatischen Schauspiel den letzten Schliff zu verleihen, lässt Mutter Natur es plötzlich auch wie aus Eimern schütten. Dieser Regen kommt wie gerufen, denn kaum singt Jašar seine erste Strophe kullern mir die ersten Tränen über mein Gesicht.

Mein Praktikum in der biber Akademie ist nun seit Ende April vorbei und ich bin einfach nur lost. Mein Hirn hat das Kreativitätsareal einfach ausgeschaltet. Ich kann nicht mehr jeden Tag in die Redaktion gehen und als Teil des Teams meine Storys schreiben. „Ich muss jetzt professionell sein und abliefern.“ sage ich mir selbst jeden Tag. Ich will jeden Text perfekt machen und genau deswegen werden sie schlecht. Na gut, vielleicht nicht unbedingt schlecht, aber langweilig und ohne Würze. Also alles was ich eigentlich absolut nicht bin.

Der Regen stört mich nicht, denn so sind meine Tränen quasi unsichtbar. Ich setze mich auf eine klatschnasse Bank und mein innerer Monolog setzt sich fort. „Vielleicht sollte ich wieder im Supermarkt arbeiten.“ Oh Gott nein. Ich kriege einen Schauer über den Rücken bei dem Gedanken mich noch mal hinter eine Kassa zu setzen. „Du willst schon so lange Journalistin werden. Willst du die achtjährige Maria etwa auch noch enttäuschen?“ sagt meine innere Stimme. „Natürlich will ich das nicht. Aber was ist, wenn ich es nicht packe? Wenn ich meine Familie, meinen Chef, meine Freunde und vor allem mich selbst nicht mehr stolz machen kann.“ murmle ich vor mich hin. Ich verspüre so einen Druck in mir und werde von Selbstzweifel zerfressen. Ich habe das Gefühl ich sei nicht genug und man würde mich schnell vergessen.

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Die achtjährige Maria wusste schon immer was sie will. Foto: Privat

„DING!“ ertönt mein IPhone plötzlich. Eine neue Instagram-DM. „Hej ich habe gerade deinen Artikel zum Bodyshaming gelesen. Vielen Dank, dass du das Thema aufgreifst. Es erinnert mich an meine traumatische Teenagerzeit.“ schreibt mir eine unbekannte Userin. Sie hat sich den passenden Moment rausgesucht, um mich zu kontaktieren. Fast so als wäre sie von Gott geschickt (oder woran auch immer ihr glaubt). Ein kleines Lächeln überkommt mich. „Was mache ich hier eigentlich?“ spreche ich laut aus. Ich bin kein Mensch, der aufgibt und das war ich auch noch nie. Ich habe mich mein Leben lang durchgeboxt und meine Träume verwirklicht. Es war nie easy, aber ich habe es immer geschafft. „Ich lasse mich doch jetzt nicht von mir selbst sabotieren. Wie pervers wäre das denn?“ mit diesen Worten springe ich von der Parkbank auf. Ich hoffe ehrlich, dass mich niemand bei meinen schluchzenden Selbstgespräch beobachtet hat. Ich wische meine letzte Träne weg und sehe meine mit Mascara verschmierten Hände an. Ich realisiere, dass ich meine Hände einfach machen lassen muss. Einfach ich selbst sein. Als ich mich noch nicht verstellte habe ich gute Texte geschrieben. Lustig und mit Gefühl. Erst als ich „professionell“ sein wollte war ich schlecht. So wie ich bin, bin ich wohl doch gut. Ich habe schließlich eine Coverstory geschrieben und obendrauf ein Praktikum bei jetzt.de von der Süddeutschen Zeitung bekommen.

Lieber Jašar, dein Wort in Gottes Ohr. Ich fühle mich tatsächlich besser nach meiner Heul-Session. Ich unterdrücke normalerweise meine Gefühle. Es fühlt sich jetzt so an als hätten sich alle Blockaden in meinem Hirn gelockert. Manchmal muss man sich selbst durchatmen lassen und erkennen was man alles geschafft hat. Ständige Selbstkritik führt zu nichts. Und was lernen wir schlussendlich aus diesem Szenario? Heul dich aus, danach geht es dir besser.

 

Meine Coverstory: https://www.dasbiber.at/content/niemand-mag-dicke-menschen-bodyshaming-migra-familien

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